FONDS professionell Österreich, Ausgabe 1/2026

logische Standards an den industriellen Nervensträngen Europas zieht. Aus dieser Triangulation entsteht der geopolitische Schraubstock, in dem Europa steckt und aus dem es sich nur durch eine strategi- sche Emanzipation mit mehr eigener militärischer, industrieller und technolo- gischer Substanz befreien kann. WassinddiegrößtenFehler derEuropäer? Sicherheitspolitisch haben besonders Deutschland und einige Westeuropäer lange in einer Komfortblase gelebt und Warnungen aus Osteuropa ignoriert. Industriepolitisch ist die Abhängigkeit von chinesischen Überkapazitäten in Schlüssel- EUDQFKHQ XQG YRQ NULWLVFKHQ 5RKVWRȬHQ naiv hoch. Wir haben über Jahre sehen- den Auges zugelassen, dass andere über unsere Lieferketten entscheiden. Und politisch fehlt eine ehrliche Erzählung, die den Bürgern sagt: Ohne Neuaufstel- lung bei Sicherheit, Energie und Industrie ist das europäische Wohlstandsmodell nicht zu halten. Alles andere ist Beruhi- gungspolitik, die am Ende nur Vertrauen zerstört. Das Bittere ist: Viele dieser Ver- säumnisse waren seit Jahren bekannt, sie wurden aber systematisch ignoriert oder in die Zukunft vertagt. WiegefährlichistvordiesemHintergrunddie demografischeEntwicklunginDeutschland? 'HPRJUDljH LVW GLH DP EHVWHQ SURJQRVWL zierbare Krise. Und trotzdem wurde sie politisch immer wieder verdrängt. Bei der nächsten Bundestagswahl wer- den rund 50 Prozent der Wahlberech- tigten über 55 Jahre alt sein; damit lässt sich keine schmerzhafte Reformagenda mehr gewinnen. Wir steuern auf eine Art Gerontokratie auf Pump zu, in der eine wahlstarke ältere Kohorte Reformen blockiert, während die Kosten auf Jün- gere und die Zukunft abgewälzt werden. Man hat viele Jahre Zeit verstreichen las- sen, um das System behutsam anzupassen mit breiterer Finanzierungsbasis, längeren Lebensarbeitszeiten oder gezielter Zuwan- derung. Jetzt muss man mit härteren Ein- JULȬHQ UHFKQHQ GLH SROLWLVFK VFKZHUHU ]X vermitteln sind. KI mag die Produktivität heben, aber sie repariert keinen Sozial- staat, dessen Architektur nicht mehr zur Altersstruktur passt. Das ist harte politi- sche Handarbeit. Nochmal zu Grönland: Warummessen Sie derArktissogroßeBedeutungbei? 'LH $UNWLV LVW GLH QHXH (LQijXJVFKQHLVH in den Nordatlantik. Durch das rapide Abschmelzen des Eises entstehen Routen, über die Russland und China militärisch wie wirtschaftlich näher an Nordeuropa und Nordamerika heranrücken. Grön- land bildet dabei mit dem sogenannten GIUK-Gap den strategischen Sperrriegel. Wer diese Passage kontrolliert, kontrolliert Zugänge zu europäischen Seewegen und damit auch zu wichtigen Unterseekabeln. Man versteht Trumps „We want Green- land“ erst vollständig, wenn man diese militärische und ökonomische Dimension sieht. Europas Problem dabei: Die großen Spieler sind längst aktiv, die EU kommt als Zaungast zu einem Spiel, in dem die Karten fast verteilt sind und nur noch wenige Nachkarten übrig bleiben. Immer- hin wächst inzwischen das Bewusst- sein, dass Arktis-Politik kein exotisches Nischenthema ist, sondern zur europäi- schen Sicherheitsarchitektur gehört. Wo verorten Sie aktuell die größten syste- mischenRisikenimglobalenFinanzsystem? Die strukturellen Schwächen des Euro sind bekannt, doch derzeit verlagert sich das Risiko klar Richtung USA. Die Kom- bination aus Schuldenexplosion, politi- schem Druck auf die Fed und dirigisti- VFKHQ (LQJULȬHQ LQ 8QWHUQHKPHQVHQW - scheidungen ist ein toxischer Cocktail. Wenn eine Regierung Unternehmen vor- schreibt, wie sie Kreditzinsen zu deckeln haben, und gleichzeitig internationale » Die strukturellen Schwächen des Euro sind bekannt, doch derzeit verlagert sich das Risiko klar Richtung USA. « Heinz-Werner Rapp, Feri Cognitive Finance Institute MARKT & STRATEGIE Heinz-Werner Rapp | Feri Cognitive Finance Institute 136 fondsprofessionell.at 1/2026 FOTO: © CHRISTOPH HEMMERICH FÜR FONDS PROFESSIONELL

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