FONDS professionell Österreich, Ausgabe 1/2026
Mit der ihm eigenen Direktheit spricht Nassim Nicholas Taleb über die Gefahren von Schuldenspiralen und stochastischer Han- delspolitik in einer Weltwirtschaft, die von Energieknappheit und fragilen Märkten geprägt ist. Und was das für Anleger bedeutet. W ie kaum ein anderer Denker hat Nassim Nicholas Taleb das Bewusstsein der Menschen dafür geschärft, dass die folgenreichsten Ereig- nisse der Geschichte ausgerechnet jene sind, die niemand kommen gesehen hat: „Schwarze Schwäne“. Sein Buch „The Black Swan“ über die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse wurde zum Klassiker. Wir trafen den Statistiker und Risikodenker, der auch auf dem FONDS professionell KONGRESS als Keynote Speaker aufgetreten ist, zum Interview. Herr Taleb, angesichts der aktuellen Ereig- nisse kommen wir nicht umhin, zunächst über denKrieg im Iran zu sprechen. Wie ist IhreSicht derEntwicklung? Nassim Taleb: Kriege sind das extremste Beispiel für das, was ich „Fat Tails“ nenne: Sie beginnen mit der Illusion, man könne Dauer, Kosten und Ausgang planen, ent- wickeln dann aber ein Eigenleben, das jede Prognose sprengt. Kein Kriegsbeginn in der Geschichte war mit einem realisti- schen Bild des Endes verbunden, weder die Weltkriege noch Vietnam oder die jüngeren Interventionen in Ländern wie dem Irak, Afghanistan oder Libyen. Alle galten zunächst als begrenzte Operationen und endeten als strategische Katastrophen. Beim Irankrieg kommt hinzu, dass wir es mit einer hoch vernetzten, energie- abhängigenWeltwirtschaft zu tun haben, die wie ein großes Theater mit einer viel zu kleinen Tür funktioniert: Wird diese „Tür“ – in dem Fall der maritime Eng- pass bei Öl und Transport, die Straße von Hormus – blockiert, entsteht ein unver- hältnismäßig großer Schaden. Sie haben den Konflikt als „unpopulärsten Krieg in der Geschichte der USA“ bezeich- net.WoranmachenSiedas fest? In der US-Bevölkerung ist die Geduld mit militärischen Abenteuern aufgebraucht, weil drei Regimewechselprojekte hinter- einander – Irak, Afghanistan und Libyen – als gescheitert erlebt wurden. Jetzt sieht man, wie im Iran vergleichsweise billige, selbst produzierte Drohnen der Gegen- seite enorme Lager teurer westlicher $EZHKUZDȬHQ YHUEUDXFKHQ ZÌKUHQG GLH Benzinpreise steigen, zeitweise auf über IĞQI 86 'ROODU SUR *DOORQH 'DV WULȬW genau jene Wähler, auf die sich Trump gern beruft. Preise von acht oder neun Dollar pro Gallone wären politisch brand- gefährlich. Zugleich wächst das Gefühl, Washington führe einen Krieg primär im Interesse Israels und der Golfstaaten. LassenSieunszueinemGrundthema Ihres Werks kommen: Sie sprechen inzwischen lieber über „White Swans“ als über „Black Swans“.Warum? Menschen lieben das Spektakel des völlig Unerwarteten, der „Black Swans“. Mich interessieren inzwischen mehr jene Ereig- nisse, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten müssten und trotzdem syste- matisch verdrängt werden, die „White Swans“. Pandemien sind ein gutes Bei- spiel. Dass irgendwann wieder eine große „Donald Trumps Zollpolitik ist ökonomische Alchemie “ » Mich interessieren inzwischen mehr jene Ereignisse, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten müssten und trotzdem systematisch verdrängt werden. « Nassim Nicholas Taleb, New York University MARKT & STRATEGIE Nassim Nicholas Taleb | New York University 116 fondsprofessionell.at 1/2026
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