Eine interessante Kalkulation hat der Aachener Versicherungsanalyst Carsten Zielke bei der Präsentation seiner Versicherungsstudie 2020 auf einer von der Süddeutschen Zeitung (SZ) organisierten Altersvorsorge-Konferenz in Köln vorgelegt. Nach seinen Berechnungen kommt er zu einem für die Branche ernüchternden Schluss: "Wenn deutsche Versicherer bereits nach der Finanzkrise begonnen hätten, mehr in Aktien zu investieren, dann hätte man gar keine Zinszusatzreserve benötigt." Bei entsprechend höherem Aktienengagement hätten die Unternehmen sogar Mehrerträge in Höhe von rund 55 Milliarden Euro erzielen können und also kein Problem gehabt, ihre Garantieversprechen einhalten zu können.

Konkret rechnet Zielke vor, dass eine Aktienquote von lediglich 15 Prozent ausgereicht hätte, um dieses Ziel zu erreichen. Im Zeitraum zwischen Ende 2009 und August 2020 hätten die Versicherer damit einen Ertrag von rund 230 Milliarden Euro erzielt. Im Vergleich zu einer als realistisch angenommenen Aktienquote von tatsächlich fünf Prozent hätte das einen Mehrertrag von gut 150 Milliarden Euro erbracht. "Damit hätte man sich nicht nur die Aufwendungen für die Zinszusatzreserve, die sich inzwischen auf knapp 100 Milliarden Euro beläuft, sparen können", so Zielke, "es wäre auch ein Mehrertrag von deutlich über 50 Milliarden Euro angefallen, der zur Einhaltung von Garantieverpflichtungen hätte verwendet werden können."

Österreichs Assekuranz hat es besser gemacht
Die Versicherer in Österreich haben es laut Zielke besser gemacht. "Dort betragen die laufenden Erträge, die Versicherer aus Aktienanlagen und Mieterträgen erzielen, schon heute rund 40 Prozent der gesamten laufenden Finanzeinnahmen", so der Analyst. "Hätten deutsche Versicherer ähnlich gehandelt, hätten sie heute kein Problem, ihre Garantieversprechen einzuhalten."

Das Gegenargument der Versicherer, wonach deren Durationsmanagement, bei dem sie langlaufende Verpflichtungen mit ebenso langfristigen Kapitalanlagen unterlegen, keine höhere Aktienquote erlaube, lässt Zielke nicht gelten. Im Zeitraum zwischen 2009 und Ende 2018 hätten die Lebensversicherer Beiträge von 863,5 Milliarden Euro eingenommen bei ausgezahlten Leistungen von 793 Milliarden Euro. "Nur 2016 waren die ausgezahlten Leistungen mit 87,7 Milliarden Euro etwas höher als die Einnahmen von 86,7 Milliarden Euro", so Zielke. "Damit besaßen die Versicherer auf jeden Fall das Potenzial, langfristig anlegen zu können."

Zudem habe die Europäische Kommission die Solvency-II-Richtlinie bereits im März 2019 in verschiedenen Bereichen geändert beziehungsweise ergänzt. Aus Sicht der Kapitalanlage sei dabei insbesondere das Aktienrisikomodul um eine neue Form langfristiger Aktienanlagen erweitert worden, sogenannte Long Term Equity Investments (LTEI). Anlagen in börsennotierte und nicht-börsennotierte Aktien, die der Definition für langfristige Aktieninvestitionen entsprechen, unterliegen seither einer deutlich reduzierten Eigenkapitalanforderung von lediglich 22 gegenüber 39 Prozent bei Typ-1-Aktien (börsennotiert) beziehungsweise 49 Prozent bei Typ-2-Aktien (nicht-börsennotiert).

Das Schlimmste kommt erst noch
In seiner jetzt veröffentlichten Analyse mit dem Titel "Versicherungsstudie 2020 – Vor oder nach dem Tsunami?" kommt Zielke zu dem ernüchternden Schluss: "Das Schlimmste liegt noch vor uns." Seiner Berechnung nach werden die Lebensversicherer 2020 über 15 Milliarden Euro der Zinszusatzreserve (ZZR) zuführen müssen, weitere Erleichterungen durch den Gesetzgeber seien dabei nicht zu erwarten. "Spätestens ab 2024 haben die Lebensversicherer bei der Zinsentwicklung keine stillen Reserven mehr, um die Aufwendungen für die ZZR zu finanzieren", so Zielke.

Gleichzeitig müssten die Lebensversicherer sich auf eine Stornowelle einstellen, einfach weil damit zu rechnen sei, dass die Menschen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit in der Corona-Pandemie Geld brauchen. Neben einer höheren Aktienquote helfe hier nur, wenn die Assekuranz selbst alternative Finanzierungslösungen wie Polizzendarlehen oder Umkehrhypotheken anbiete. Auf der anderen Seite müsse sie ihren Versicherungsnehmern zeigen, dass es sich für den Kunden lohne, aufgrund eines besseren Asset Managements mit mehr Sachwerten und einer ESG-freundlichen Ausrichtung weiterhin seine Polizze zu halten. "Es muss an das gute Gewissen des Versicherungsnehmers appelliert werden", so Zielke. "Aber es bedarf vor allem auch flexiblerer Sparprodukte für eine unsichere Zeit." (hh)