Die Corona-Pandemie vermiest den Versicherern nicht nur punktuell ihr 2020er-Ergebnis. Vielmehr zementiert die Krise das Tiefzinsumfeld ein, das die Assekuranzen bereits seit Jahren als Bedrohung bezeichnen: Die EZB macht mit ihrem 1,35 Billionen Euro schweren Pandemie-Kaufprogramm klar, dass die Nachfrage nach Anleihen künstlich hoch bleiben wird – und die Zinsen folglich niedrig. Der Nebeneffekt: Die Versicherer haben es langfristig immer schwerer, die in Hochzinsphasen abgegebenen Garantieversprechen am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Gepaart mit dem Ergebniseinbruch durch den Lockdown ist die Lage der Branche momentan nicht rosig, wie aus einem Bericht hervorgeht, der in der aktuellen Printausgabe von FONDS professionell erscheint.

Noch keine deutschen Zustände, aber FMA schaut hin
Zwar ist Österreich weit entfernt von einer Situation wie in Deutschland, wo die Aufsicht 20 Versicherer unter engere Aufsicht genommen hat, und wo vorsorglich ein Gesetz gegen Versicherungs-Schieflagen verschärft werden soll. In Österreich gibt es schließlich weniger Altkunden mit sehr hohen Garantieverzinsungen von teils vier Prozent. Auch sieht man hierzulande meist Kompositversicherer, die somit auch Erträge abseits des schwierigen Lebensgeschäfts haben. Dazu ist die gesetzliche Zinszusatzrücklage mit 1,1 Milliarden Euro gut dotiert. Und auf Neuverträge ist nur noch ein Garantiezins von 0,5 Prozent erlaubt (Deutschland 0,9 Prozent). Aber: "Es gibt ein sehr enges Monitoring der Lebensversicherer. Das Tiefzinsumfeld ist eine große Herausforderung", bestätigt ein FMA-Sprecher.

In den Geschäftsberichten der Versicherer ist die Warnung vorm Zinsrisiko denn auch deutlich nachzulesen. Doch wer muss eigentlich bereits Eigenmittel hernehmen, um Garantietöpfe aufzufüllen, und wie lange verkraftet die Branche so ein Umfeld? Darüber sprechen nur die wenigsten gern. Bei der VIG verweisen die Töchter Donau und Wiener Städtische auf ihre kapitalstarke Mutter. Uniqa schwieg in einer Umfrage generell.

Neue Produkte, neue Investmentmöglichkeiten
Alle anderen betonen beim Rundruf der Redaktion, dass sich die Herausforderungen zwar nicht leugnen lassen; gleichwohl – so die Grundaussage – ernte man gerade jetzt den Lohn, wenn man sich früh mit Produkten und Investmentkonzepten gegen das Umfeld gestemmt hat: Polizzen ohne garantierten Rechnungszins im Lebensbereich sind heute bei vielen Anbietern genauso Standard wie alternative, höher verzinste Anlagen.

Natürlich würden alle Langfristinvestoren auf die Probe gestellt, bestätigt etwa Axel Sima, Investmentchef der Generali Versicherung AG. Wie lang das Zinsniveau aus seiner Sicht noch erträglich ist, sagt er nicht. Er verweist hingegen auf Chancen höherer Verzinsung in neuen Bereichen. "Die Generali investiert verstärkt in Alternative Investments – Private Equity, Private Debt, Infrastruktur", so Sima.

Bei der Allianz Österreich weist eine Sprecherin "Garantiesorgen" ebenfalls zurück. Aufgrund diversifizierter Veranlagung und strenger Bilanzstrukturführung (Management von Laufzeiten) gehe sich momentan alles gut aus. Außerdem arbeite man seit fünf Jahren mit Produktalternativen zum garantierten Rechnungszins. Zwar verfestige die Pandemie die Tiefzinserwartungen, aber die bestehenden Garantien könnten "aus heutiger Sicht langfristig selbst bei unverändert niedrigen Zinsen ohne die Verwendung von Eigenmitteln ­finanziert werden", so die Sprecherin. Natürlich wird aber die Renditelage im Lebensbereich immer prekärer: "Wie sich die anhaltend niedrigen Zinsen auf die ­Gewinnbeteiligung auswirken, bleibt abzuwarten", gibt die Sprecherin zu bedenken.

Abkoppelung vom Zinsumfeld
Auch die österreichische Ergo muss nun angesichts der Krise ihren begonnenen Strukturwandel zielstrebig weiterführen. Ergo ist stark im Lebensgeschäft (Nummer vier bei den Marktanteilen). Vorstandschef Philipp Wassenberg arbeitet daran, das Schaden-Unfall-Segment zu vergrößern, um sich von den Auswirkungen der Zinsentwicklung unabhängiger zu machen, wie er der Redaktion sagt. Im Lebensbereich wiederum gebe es seit 2016 mit "Ergo fürs Leben" ein Hybridprodukt, das auch in der längeren Niedrigzinsphase Rendite ermöglichen soll. Heuer kam die fondsgebundene Lebensversicherung "Ergo fürs Sparen" dazu. "Durch Hybridprodukte wollen wir sukzessive den Umfang der Garantien reduzieren und uns damit von der Zinsentwicklung weiter abkoppeln", so Wassenberg.

In gewisser Hinsicht hat die Pandemie den aufstrebenden Segmenten, mit denen sich Versicherer vom Zinsumfeld abkoppeln wollen, sogar Chancen eröffnet: So wurde der Zulauf zur Krankenversicherung deutlich angekurbelt, sagen mehrere Versicherer gegenüber der Redaktion. Einen "Corona-Push" erhielten offenbar auch Cyberversicherungen. Durch vermehrtes Homeoffice rückte die digitale Verletzlichkeit in den Fokus. Donau-Chefin Judit Havasi hat daher etwa ungeachtet der turbulenten Phase die Angebotspalette erweitert – auch um eine Cyberversicherung für medizinische Berufe.

Etliche Bereiche entwickelten sich entgegen erster Befürchtungen vorerst ebenfalls recht positiv, so etwa das Firmengeschäft, wie viele Versicherer rückmeldeten. "Wir hatten im Firmenkundengeschäft im ersten Quartal eine sehr starke Nachfrage und sind zuversichtlich, dass die Prämien im laufenden Jahr zumindest stabil bleiben", sagt Sonja Steßl, Vorstandsdirektorin Wiener Städtische. Ergo-Chef Wassenberg ist darüber ebenfalls erleichtert – Gewerbekunden gehören nämlich auch zu seinem neuen Fokus. Das kürzlich konzipierte Produkt "Ergo fürs Gewerbe" gehe zum Beispiel auf veränderte Deckungsbei­träge ein, was beim Geschäftseinbruch heuer ein Vorteil sei, so Wassenberg. Branchenkollegin Steßl bestätigt aber gleichzeitig auch die Vorsicht, von der vielfach zu hören ist. "Insolvenzen, Desinvestitionen und Umsatzrückgänge und damit die Berechnungsgrundlage umsatzabhängiger Prämien werden sich vermutlich auf die Prämienentwicklung im kommenden Jahr auswirken“, gibt Steßl zu bedenken. (eml)


Der gesamte Artikel steht Abonnenten in der neuen Printausgabe von FONDS professionell oder im E-Magazin zur Verfügung. Darin lesen Sie unter anderem, dass die VIG etwa ein Viertel des freiwilligen Corona-Teilersatzes der Versicherungswirtschaft für strittige Betriebsunterbrechungsversicherungen gestemmt haben dürfte.