Seit Oktober ist die Fusion der Wiener Städtischen mit der S Versicherung (Sparkassen Versicherung) im Firmenbuch eingetragen. Damit ist die Wiener Städtische offiziell der neue österreichische Marktführer bei den Lebensversicherungen.

Größter Lebensversicherer zu sein, sei jedenfalls trotz aller Schwierigkeiten auf dem Sektor ein Segen, kein Fluch, so Generaldirektor Robert Lasshofer im Interview, das in der neuen Heftausgabe von FONDS professionell erschienen ist. "Ich stimme nicht so gern ein in diesen Abgesang. Dass es in der staatlichen Pensionsversicherung lebenslange Durchrechnungszeiträume gibt (seit der Pensionsreform 2004, Anm.), führt dazu, dass die Versorgungslücke zwischen Aktiv- und Pensionseinkommen größer wird. Vor diesem Hintergrund ist private Vorsorge wichtig", so Lasshofer.

Eigene Fehler
Er gesteht aber, dass die Versicherungen in der Vermarktung auch Fehler gemacht haben, die den Vertrieb der Produkte nun erschweren: "Wir haben uns in den letzten Jahren ein wenig von dem entfernt, was die Lebensversicherung vor allem kann, nämlich das Absichern individueller Lebensrisiken wie Berufsunfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit". Man müsse die Einzigartigkeit der Lebensversicherung mehr betonen: "da werden lebenslange Renten sichergestellt. Es gibt kein anderes Finanzprodukt, das das kann. Und wenn man älter wird als die durchschnittliche Lebenserwartung, ist die Lebensversicherung ein gutes Geschäft. Mit großartigen Renditen".

Dass es in Österreich zu einem ähnlichen Schritt wie in Deutschland kommt, wo die Generali 2017 ihre Lebensverträge an einen Abwickler verkauft hatte, glaubt Lasshofer nicht. Zum einen würden in Deutschland die früher sehr hohen Rechnungszinssätze länger auf den Versicherern lasten, weil die durchschnittliche Vertragslaufzeit dort deutlich länger ist. Zum anderen sei es vertrieblich schwer vorstellbar als Kompositversicherer den Kunden zu erklären, dass nun ein lang aufgebautes Segment wegbricht. Weiters sei es aktienrechtlich schwierig, weil nicht nur Shareholder sondern auch Stakeholder wie Kunden oder Mitarbeiter zu berücksichtigen sind. "Wenn du auf der Kapitalseite kein Problem hast, sehe ich überhaupt keinen Ansatzpunkt, die Lebensbestände zu verkaufen. Ich glaube sogar, dass wir eher eine Renaissance in der Lebensversicherung sehen werden", so Lasshofer.

Fusion "nicht unkompliziert"
Anders als man vermuten könnte, war die Fusion der Wiener Städtischen mit der S Versicherung nicht deswegen leichter, weil die S Versicherung bereits seit langem weitgehend zur Wiener Städtischen beziehungsweise deren Mutter VIG gehörte. Unter anderem gibt Lasshofer Einblick in Konsultationsprozess der nationalen Aufsichtsbehörden in Europa. "Wir sind zwar in Europa, aber es wird unterschiedlich vorgegangen. Die Griechen wollten, dass wir vor der Fusion Annoncen in griechischen Zeitungen schalten. Die Niederländer danach auch (…) Es war nicht unkompliziert, aber wir haben uns dem mit Begeisterung gestellt", so der Versicherungschef. 

Zurückhaltung zeigte Lasshofer beim Thema IDD und die heikle Frage der Provisionen, wo die FMA keine – oder noch keine – Leitlinien festgelegt hat. Die Behörde habe schon angekündigt, diesen Bereich besonders zu prüfen, so Lasshofer: "Schauen wir mal. Wir sind davon überzeugt, dass wir es richtig machen. 'Staffelprovisionen' zum Beispiel, wo man gewisse Schwellen erreichen muss, das geht nicht mehr. Wir haben jetzt qualitative Kriterien, die der IDD genügen".

Sorgen über die Gesellschaft
Auf die Frage, wo er den 200. Geburtstag der 194-jährigen Wiener Städtischen feiern will – als Chef in der Wiener Städtischen oder beim Wiener Städtischen Versicherungsverein (Hauptaktionär der Mutter VIG), legte sich Lasshofer mit den Worten "Jedenfalls im Ringturm" fest.

Mehr Bedenken bereitet ihm die Frage des Zusammenhalts in der Gesellschaft: "Meine Sorgen in dem Zusammenhang sind größer geworden. Die Gesellschaft entsolidarisiert sich immer mehr. Das ist eine ­Entwicklung, die ich nicht gut finde. Es ist ja auch auf europäischer Ebene so, dass es weniger Solidarität gibt. Einer gegen den anderen. Ich würde mir mehr Solidarität ­wünschen", so Lasshofer.  


Das gesamte Interview lesen Sie in der neuen Heftausgabe 4/2018 von FONDS professionell, die den Abonnenten dieser Tage zugestellt wird. Darin erfahren Sie auch, wann Robert Lasshofer Gedichte liest und warum er sagt: "Ich brauche auch keinen Generaldirektor“.