In manchen Ländern ist eine betrieblich geförderte Altersvorsorge fixer Lohnbestandteil; nicht so in Österreich. Nur 23 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen sind betrieblich in einer Pensionskasse veranlagt. Daran ist nicht nur die Politik Schuld, sagen mehrere österreichische Experten. Ihrer Ansicht nach sind auch die Versicherer zu starr, wenn es um die Tarife geht, und bei der Digitalisierung müssten die Möglichkeiten auch besser ausgeschöpft werden.

"Im Bereich der Pensionszusagen wird es immer schwieriger einen kompetenten und verlässlichen Partner über die Jahre hinweg zu finden. Und so gerät auch diese Veranlagungsform leider immer mehr in den Hintergrund", kritisiert Wolfgang Kotlan, Manager beim Makler GrEco im Rahmen einer Diskussion, zu der das Wiener Fintech Finabro geladen hatte. Finabro hat sich selbst neben der persönlichen auf die bAV-Vorsorge spezialisiert. Manche Versicherungen würden gar keinen Tarif mehr für die arbeitgeberfinanzierte Zukunftssicherung nach §3/15 EstG anbieten wollen, kritisiert Kotlan, wie Finabro in einer Aussendung mitteilt. Im Rahmen dieser geförderten Vorsorge kann der Arbeitgeber den Mitarbeitern bis zu 300 Euro jährlich in Form einer Lebens-, Unfall- und/oder Krankenversicherung lohn- und sozialversicherungssteuerfrei zur Verfügung stellen. Auch Franz Auer, Gründer des Beratungsunternehmens Auer Profit Steering, ortet einen problematischen Tarifschwund: "Ich sehe am österreichischen Markt, dass es seitens der Versicherungen einen starken Rückgang in der bAV gibt. Dabei wäre das Potenzial für die bAV vorhanden", sagt Auer laut der Aussendung.

300 Euro im Jahr sind zu wenig
Unter anderem sehen die Experten laut Finabro-Aussendung eine mangelnde Unterstützung der Politik in den vergangenen zehn Jahren. Förderungen seien immer weniger geworden, sagt Harald Veronik, verantwortlich für den Bereich Personenversicherung beim Raiffeisen Versicherungsmaklerdienst Aktuell. Es seien weitere Anreize nötig, entweder direkte Zuschüsse über Fördermittel oder steuerliche Absetzbarkeit. "Die Gehaltsumwandlung ist in Deutschland gang und gebe. In Österreich sind 300 pro Jahr und Mitarbeiter vergleichsweise wenig Geld", sagt Eva Girsch, Österreich-Geschäftsführerin des Versicherungsmakler- und Beraterunternehmens Willis Towers Watson. Die Politik sei hier gefragt, der Altersarmut entgegenzuwirken. Diese müsse auch ehrliche Aussagen über die Leistungsfähigkeit des staatlichen Pensionssystems machen, fordert Girsch.

Wolfram Klar, geschäftsführender Gesellschafter der auf bAV spezialisierten WHK Industrie- und Wirtschaftsberatung, macht darauf aufmerksam, dass es einfach wäre, bestehende gesetzliche Regelungen auf die bAV anzuwenden. "So gibt es beispielsweise in der staatlich geförderten, privaten Zukunftsvorsorge, der PZV, eine Versicherungssteuerbefreiung, die auch in der direkten Leistungszusage sinnvoll wäre", so Klar. Dass es in nächster Zeit zu Änderungen kommt, darauf stellen sich die Experten aber nicht ein: "Ich fürchte, dass wir derzeit – auch Corona-bedingt – keine weiteren steuerlichen Anreize für die bAV generieren werden. Man sollte daher die derzeitigen Möglichkeiten nutzen und nicht auf künftige Steuerzuckerl warten, die eventuell kommen oder auch nicht", sagt Erich Hoffmann, Chef des Makler- und Beratungsunternehmens Hoffmann und Partner.

Tesla per Handy kaufen, Versicherung via Papier
Auch könnte der Zulauf zur bAV größer sein, wenn die Versicherer die Möglichkeiten der Digitalisierung mehr ausschöpfen würden. Während im klassischen Retail-Vertrieb die eine oder andere App bereits das "Versicherungserlebnis" verbessert, ist in der bAV davon nichts zu merken. Digitalisierung, etwa auch die Ansprache über Soziale Medien, werde zu wenig eingesetzt, um Arbeitnehmer eines Unternehmens über die Möglichkeiten zu informieren und sie vom Abschluss zu überzeugen. "Mitarbeiter sehen die bAV dann als attraktiven Benefit, wenn sie sie als verständlich und transparent wahrnehmen", sagt Eva Girsch. Sie spricht darauf an, dass jüngere digital geübte Generationen auf den Arbeitsmarkt kommen, die erwarten, dass sie von den Inhalten persönlich und verständlich angesprochen werden. "Im besten Fall sollte das sogar unterhaltsam vermittelt werden," so Girsch. Dass es an der Info hapert, sehe man in der Praxis immer wieder: "Es gibt durchaus Unternehmen mit guten Pensionsangeboten, aber die Mitarbeiter wissen nichts davon", sagt Girsch.

Die Kundenansprache ist dabei offenbar mancherorts genau so unmodern wie das Backoffice: "Die Digitalisierung ist an manchen spurlos vorübergegangen. Es gibt keine automatischen Mitteilungen an Versicherungsnehmer beziehungsweise Makler und auch die Bereitstellung von Wertbestandsnachrichten dauert sehr lange", kritisiert bAV-Spezialist Klar. Er selbst habe den Webauftritt seines Unternehmens nach einer Markanalyse umgekrempelt und docke jetzt vermehrt via Online-Marketing bei den Kunden an. Es wurden Schulungsvideos produziert, die im November online gehen sollen.

In der Kommunikation mit den Versicherern stoße man allerdings weiter auf veraltete Systeme. Es entstehen noch immer hoher Papieraufwand, so Klar. Erich Hoffmann liefert dazu Zahlen: "Ich bekomme im Durchschnitt 56 Seiten, wenn ich ein Offert erstelle. Ich kann über mein Handy und mithilfe der Kreditkarte einen 70.000 Euro Tesla kaufen, aber keinen bAV-Vertrag über jährlich 300 Euro abschließen." 90 Prozent der Papierpost werde weggeschmissen, bestätigt Girsch. (eml)