Von einer endgültigen Corona-Bilanz kann aufgrund unklarer Langzeit-Wirkungen im gewerblichen Versicherungsvertrieb noch lange nicht die Rede sein. Gleichwohl liegen erste Zahlen der Versicherungsmakler und Versicherungsagenten aus dem Jahr 2020 auf dem Tisch, die teils sehr signifikante Bewegungen zeigen.

So haben zum Beispiel knapp tausend neue Versicherungsagenten im Jahr 2020 ihr Gewerbe angemeldet – fast ­doppelt so viele wie im Jahr davor. Das berichtet FONDS professionell in einem Artikel, der in voller Länge in der neuen Printausgabe oder im E-Magazin zu lesen ist.

Verstärktes Recruiting durch Strukturvertrieb
Der Zuwachs sei auf das verstärkte Recruiting im Strukturvertrieb zurückzuführen, bestätigt Horst Grandits, Fachverbandsobmann der Versicherungsagenten. Viele der Neuzugänge hätten in Niederösterreich die Befähigungsprüfung abgelegt, wo es hohe Kurzarbeits- oder Teilzeitzahlen gibt. Ob diese Entwicklung für die Branche gut oder schlecht ist, wollte er nicht beurteilen. Anzunehmen ist, dass etliche der neuen Vertriebsleute bei einer Verbesserung der Arbeitsmarktsituation wieder aufhören. "Es ist keine Unbekannte, dass im Strukturvertrieb die Fluktuation hoch ist", so der Obmann der Agenten.

Beim aufwendigeren Berufsbild des Maklers, der nicht als Erfüllungsgehilfe ­einer Versicherung, sondern allein im Kundenauftrag arbeitet, gab es hingegen im Vorjahr deutlich weniger Neugründungen als sonst. Bei den Maklern besteht zudem die Sorge, dass sie von der Krise in manchen Fällen schwerer ­betroffen sein könnten als die Agenten­kollegen. Denn: "Die Firmen sind Großteils maklerversichert", so der Fachverbandsobmann der Versicherungsmakler, Christoph Berghammer. Er bleibt damit trotz eines unerwartet guten Jahres zurückhaltend.

Umsatzplus 2020
Von der KMU Forschung Austria erhobene Zahlen zeigen, dass die Versicherungsmakler gemeinsam mit den Finanzdienstleistern in ihrer Sparte (Information & Consulting) die Einzigen waren, die im Vorjahr überhaupt ein Umsatzplus erzielen konnten (1,2 Prozent). Die Versicherungsagenten befinden sich nicht in derselben Sparte, für sie konnte die Redaktion keine Vergleichszahlen bekommen.

Jedenfalls zeigt die umfassende Analyse der KMU Forschung, dass auch bei den vergleichsweise gut durchs Jahr gekommenen Maklern viele gelitten haben. Mehr als ein Viertel meldete Kurzarbeit an. Immerhin 17 Prozent sagten, sie beantragten Hilfe vom Härtefallfonds (Grafiken im Heft).

Bis jetzt blieben – entgegen früherer Befürchtungen – allerdings die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den gewerblichen Versicherungsvertrieb begrenzt. Eigentlich bestand ja die Befürchtung, nach dem ersten Quartal 2021 könnte es vor allem in der Gewerbeversicherung schlimm werden. Denn dann melden die Unternehmen die Zahlen des vergangenen Jahres. Bei rückläufigem Geschäft muss die Versicherung den Firmen geleistete Prämien gutschreiben. Damit muss auch der Makler oder Agent einen Teil der bereits erhaltenen Provisionen rückerstatten. Für eine Beurteilung der Situation sei es noch zu früh, sagt Berghammer. Bis alle Meldungen retourniert und die Rückzahlungen berechnet sind, werde es noch dauern.

Mittendorfer: "Stimmung besser als die Lage"
Deutlicher wird bei der Prognose Rudolf Mittendorfer von der Maklerkanzlei Verag und Sprecher der Wirtschaftskammer­fraktion Unabhängiges Wirtschaftsforum (UWF). "Aktuell ist meiner Meinung nach die Stimmung besser als die Lage", sagt er. Zwar seien evidenzbasierte Informationen noch Mangelware, aber aufgrund des BIP-Rückgangs und der anhaltend hohen Arbeits­losenzahlen müsse klar sein, dass es Auswirkungen geben wird. Er verweist darauf, dass Provisionsrückrechnungen erst mit Storno der Ver­träge erfolgen – viele Prämienforderungen seien jedoch noch immer gestundet. Die Stundungen würden das wahre Ausmaß der Lockdowns verschleiern, so Mittendorfer.

Für die gewerblichen Versicherungsvertriebler bleibt damit weiter das Problem der verzögerten Pandemieauswirkungen: Wenn ihnen durch schleichenden Insolvenzanstieg die Einnahmen wegbrechen, haben sie von den dann längst ausgelaufenen Corona-Hilfen selbst nichts mehr. "Ich hatte Gelegenheit, bei der Wirtschaftsministerin vorzubringen, dass wir zeitverzögert betroffen sind. Sie hat mir bestätigt, dass sie das ­Thema mitgenommen hat. Man muss die kommenden Monate abwarten", sagt Grandits. Auch die Makler, die die Möglichkeit eines Verlustrücktrags gefordert haben, haben noch nichts Konkretes erreicht. Das Wirtschafts­ministerium antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage. (eml)


Der gesamte Artikel erscheint in der aktuellen Printausgabe von FONDS professionell 2/2021 und kann auch im E-Magazin nachgelesen werden.