Die Coronakrise stellt die Welt vor gewaltige Aufgaben und macht den Ausnahme- zum Normalzustand. Ausgangsbeschränkungen und -sperren verändern unser gesellschaft­liches Zusammenleben. Zudem sind die Langzeitfolgen der Krise derzeit kaum ­abzuschätzen. Einen Versuch wagt Bernd Marin, einer der führenden Wirtschafts- und Sozialexperten des Landes, trotzdem. Im Gespräch mit FONDS professionell erklärt der Gründer und Direktor des Europäischen Büros für Politikberatung und Sozialforschung in Wien, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Gesellschaft hat und wie angesichts einer Rekordarbeitslosigkeit die Zukunft des heimischen Pensionssystems einzuschätzen ist.

Für Marin, der sich im Lauf seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch mit Aids und Pandemiemanagement beschäftigte, hat uns die Corona-Pandemie fasst unvorbereitet getroffen. Während es in Asien seit dem Jahr 2003 Vorbereitungen gegen eine neue Sars-Corona-Pandemie gab, war man hierzulande laut dem Experten unzureichend vorbereitet. "Zwischen der Alarmmeldung vom 31. 12. 2019 aus Wuhan an die WHO und den ersten Maßnahmen in Europa Ende Februar bis Mitte März ging kostbarste Zeit verloren – unfassbare acht bis zehn Wochen fast ohne Vorkehrungen. Sie hätten uns allen den Lockdown ersparen können."

Dementsprechend kritisch sieht Marin auch die Bemühungen der Regierung und erklärt weiter: "Zweifellos hat Österreich rascher und energischer reagiert als europäische Nachbarn. Aus ostasiatischer Sicht musste es freilich trotzdem wie aus dem frühen vorigen Jahrhundert wirken. Ausgerechnet in Kakanien, wo jeder Kleinbetrieb oder Landgasthof von Arbeitsinspektoren, Marktämtern und Brandschutzbeauftragten zum eigenen 'Schutz' bürokratisch drangsaliert wird, gab es noch im März 2020 keinen nationalen Pandemieplan, unzureichend Schutzkleidung für Gesundheits- und Pflegepersonal, kaum relevante öffentlich zugängliche Daten und keine einzige wissenschaftliche Studie mit Ausnahme einiger Modellrechnungen als Entscheidungsgrundlage."

"Wir werden aus dem Staunen kaum herauskommen"
Trotzdem sieht der Sozialwissenschaftler auch positive Aspekte der Krise, so geht er davon aus, dass durch die Krise nicht nur Kollateralschäden, sondern auch viel Kollateralnutzen entstehen wird. "Im Arbeitsalltag sind neue Heimarbeit, Digitalisierungsschübe und Vertrauensgleitzeit bereits eingetreten und nach jahrzehntelanger Blockade auch künftig erwartbar. Das gilt für alle Lebensbereiche, wir werden aus dem Staunen kaum herauskommen", erklärt Marin.

Neben den aktuell akuten Auswirkungen wird die Krise langfristig aber vor allem negative Spuren hinterlassen. Mit der horrenden Arbeitslosigkeit brechen Versicherungsbeiträge weg, das wird die Pensionen für den Staat zumindest kurzfristig stark verteuern. Dementsprechend pessimistisch ist der Pensionsexperte in Hinblick auf die Zukunft unseres Pensionssystems. "Die dramatische Wirtschaftskrise infolge der Pandemie und ihres Seuchenmanagements wird schwerwiegende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, die Sozial- und Pensionsversicherung und die öffentlichen Haushalte haben. Damit könnte der ohnedies inexistente, weil bereits chronisch unterfinanzierte, quasi intubierte 'Pensionstopf' zusätzlich ausgezehrt werden und rasche Reformen noch dringlicher machen, als sie durch die Babyboomerkrise schon erforderlich werden", so Marin.

"Bloßes Anheben des effektiven Pensionsalters reicht nicht"
Trotzdem liest man derzeit im Regierungsprogramm noch, dass es keine grundlegende Neuausrichtung des Pensionssystems brauche. Es sollen nur Maßnahmen gesetzt werden, um das effektive Pensionsantrittsalter deutlich zu erhöhen. Für Marin wird dies langfristig nicht reichen: "Natürlich kann das nicht reichen. Aber das galt schon vor der Krise. Danach umso mehr. Bloßes Anheben des effektiven Pensionsalters reicht nicht, solange es hinter den tatsächlichen Langlebigkeitszuwächsen zurückbleibt. Das Regierungsprogramm ist durch die Krise reine Makulatur geworden, vom SARS-CoV-2-Virus innerhalb weniger Tage dahingerafft, gleichsam geschichtlich geschreddert. Es wäre sinnvoll und ehrlich, wenngleich schwierig, eine Neufassung zu vereinbaren. Und mit Neustart und Reset aus der Coronakrise auch Umwelt-, Klima-, Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Pflege- und Pensionssysteme allmählich auf Nachhaltigkeit umzustellen." (gp)


Das gesamte Interview mit Prof. Bernd Marin finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 02/2020 von FONDS professionell, die in diesen Tagen an die Leser ausgeliefert wird.