Vor fast genau einem Jahr stellten die deutschen Gesellschaften der Münchener Kapitalanlagegruppe P&R Insolvenzantrag. Auch mehrere hundert Österreicher haben bei der Milliardenpleite sehr viel Geld verloren, welches entgegen der Versprechungen nicht in Schiffscontainer investiert wurde.

Hierzulande hat ein Grazer Unternehmen aus der Logistikbranche in besonders hohem Umfang die Containerinvestments der P&R vertrieben. Diesen Vertriebspartner wollen die Plattform Cobin Claims und die Kanzlei Neumayer, Walter & Haslinger (NWH) in die Haftung nehmen und haben eine Musterklage angestrengt. Eine erste Gerichtsverhandlung hat nun am 27. März in Graz stattgefunden, berichten Anlegervertreter.

Verletzte Prospektpflicht, Fehlberatung, fehlende Gewerbeberechtigung
Man habe in einer kurzen Sitzung Akten beziehungsweise Argumente ausgetauscht, heißt es bei Cobin Claims und NWH. Beide sahen im Anschluss daran "gute rechtliche Voraussetzungen". Haslinger geht von mehreren Seiten her vor: Zum einen macht er eine Verletzung der Prospektpflicht geltend, wie er gegenüber FONDS professionell ONLINE sagt. Zum anderen bringt er bei Gericht Fehlberatung vor: Der Vertrieb habe die Sicherheit der Veranlagung hervorgehoben und auch bezüglich der Garantie der Mieteinnahmen nicht richtig beraten. Weiters hätte der Vertriebsfirma, die aus dem Logistikbereich komme, eine Gewerbeberechtigung für Anlageberatung gefehlt, so Haslinger.

Verantwortliche Personen des betreffenden Unternehmens konnten von der Redaktion nicht erreicht werden. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die nächste Verhandlung in Graz sei für den 13. Juni angesetzt, so die Anlegervertreter.

"Ein paar Dutzend Geschädigte" mit Millionenschaden
Haslinger sagt, er vertritt "ein paar Dutzend Geschädigte mit einem Schaden von über einer Million Euro“. Cobin hat "eine Hand voll Anleger mit einem Schaden im deutlich sechsstelligen Bereich". Es handle sich um einen jener Fälle, wo die Leute mit sehr hohen Summen investiert waren, sagt Oliver Jaindl, Obmann von Cobin Claims. Die österreichischen Anleger können sich simultan zur Teilnahme am Insolvenzverfahren in Deutschland an dem Zivilprozess beteiligen. Das erspare es Anlegern, "Prozessabenteuer" in Deutschland zu unternehmen.

Bei Cobin heißt es, man solle sich rechtzeitig für die Teilnahme an etwaigen Verfahren registrieren lassen, da die Verjährung für Schadenersatzansprüche nach drei Jahren ab Kenntnis von Schaden und Schädiger eintritt. Über Unstimmigkeiten rund um P&R wurde bereits 2017 öffentlich berichtet.

Deutscher Insolvenzverwalter: "Erhaltene Entschädigungen aus Österreich melden"
Wie es aus der Kanzlei des Münchener Insolvenzverwalters Michael Jaffé gegenüber FONDS professionell ONLINE heißt, waren rund 500 Österreicher zum Zeitpunkt der Pleite bei P&R investiert. Sie würden in den Insolvenzverfahren "genauso behandelt wie alle anderen Anleger auch", so Michael Schuster, Partner bei Jaffé Rechtsanwälte. Sollte es Anlegern aber gelingen, bei einem Prozess in Österreich Geld zurückzuerhalten, müssten sie dies offenlegen, "denn ein Anleger kann im Insolvenzverfahren nicht mehr erhalten als das, was er außerhalb des Verfahrens erhalten hätte", so Schuster auf Nachfrage.

Derzeit laufen Insolvenzverfahren gegen die fünf deutschen P&R-Gesellschaften sowie gegen den Firmengründer Heinz R. Beim Insolvenzverfahren gegen R. dürften allerdings die Anleger mangels vorhandenem Vermögen kaum etwas erhalten: Der Insolvenzverwalter hatte hier bereits von einer Quote von deutlich unter einem Prozent gesprochen.

Immerhin hat sich aber kürzlich die Aussicht erhöht, aus den Gesellschaften zumindest einen Teil des Geldes wieder zu sehen. Denn Insolvenzverwalter Jaffé erhielt Ende 2018 direkten Zugriff auf die nicht insolvente P&R Equipment and Finance in der Schweiz. Bei dieser laufen die Einnahmen aus der weltweiten Container-Vermietung zusammen. Der Geschäftsbetrieb wird weiter aufrecht erhalten, um mit den dort erwirtschafteten Einnahmen die Gläubiger zu bedienen.

Der Fall P&R
Die fünf deutschen Gesellschaften der P&R meldeten im März und April 2018 Insolvenz an. Insolvenzverwalter Jaffé stellte im Zuge der Aufarbeitung einen Fehlbestand von einer Million Containern fest: Er fand lediglich einen tatsächlichen Bestand von gut 600.000 Containern vor. P&R hatte aber an seine 54.000 Anleger rund 1,6 Millionen Container verkauft. Der Anlegerschaden dürfte bei rund 3,5 Milliarden Euro liegen.

Laut Insolvenzverwaltung war eine erste Finanzierungslücke schon im Jahr 2007 entstanden. Frisches Anlegergeld wurde ab diesem Zeitpunkt mehr und mehr dazu verwendet, um Löcher zu stopfen: zum Beispiel um laufende Mietforderungen der Anleger zu bedienen, die aus den laufenden Mieterträgen nicht mehr erfüllt werden konnten. Die Differenz zwischen den an die Anleger "verkauften" und den tatsächlich vorhandenen Containern vergrößerte sich auf diese Weise über die Jahre, wie aus den Berichten des Insolvenzverwalters hervorgeht, die auf der Homepage frachtcontainer-inso.de zu finden sind.  (eml)