Am Mittwochabend (8. Juli 2020) nach Börsenschluss kündigte die börsennotierte Immofinanz ihre schon länger im Raum stehende Kapitalerhöhung an, kurz nach Mitternacht folgte bereits die Bekanntgabe der Platzierung. Insgesamt erlöste das Unternehmen aus der Ausgabe von Aktien so wie aus der Emission einer nachrangigen Pflichtwandelanleihe brutto 356 Millionen Euro. Das entspricht 20 Prozent des Grundkapitals. Sowohl die Aktien als auch die Wandelanleihe wurden allerdings nur institutionellen Investoren angeboten – der Streubesitz war ausgeschlossen.

Kritik an Ausschluss der Kleinanleger
Kleinanlegervertreter Wilhelm Rasinger ist davon nicht begeistert. Er spricht von einer "Ho-Ruck-Aktion" – unter anderem sieht er im Ausschluss der Kleinanleger ein schlechtes Signal für den Finanzmarkt Österreich. Immerhin sei die Immofinanz eine der größten Streubesitzgesellschaften an der Wiener Börse. Institutionelle Investoren und Neo-Immofinanz-Chef Ronny Pecik hätten die Aktien günstig um 15,31 Euro erwerben können, während der innere Wert (Buchwert je Aktie) bei rund 30 Euro liege. In einer Aussendung erinnert Rasinger daran, dass ein wesentlicher Teil der nun platzierten Aktien erst 2019 zu einem Durchschnittskurs von 22,54 von der Immofinanz zurückgekauft worden war.

Ebensowenig können die Kleinanleger von der Wandelanleihe und ihren attraktiven Bedingungen profitieren, kritisiert Rasinger. Diese sehen vier Prozent Jahreskupon bei drei Jahren Laufzeit und Wandlung in sieben Millionen Aktien zu 17,15 Euro vor. Rasinger erkennt für die gesamte Kapitalerhöhung keinen Grund, denn die Zahlen aus dem ersten Quartal 2020 bescheinigen dem Unternehmen eine hohe Liquidität von 312,5 Millionen Euro und eine robuste Bilanzstruktur mit einer starken Eigenkapitalquote von 45,9 Prozent.

Aktion zulasten des Streubesitzes
Rasinger vermutet, dass Pecik, der im Februar mit rund zehn Prozent bei der Immofinanz eingestiegen und seit April auch deren CEO ist, dank der guter Konditionen der Kapitalerhöhung den teuren Einstiegspreis von 29,50 Euro pro Aktie ausgleichen will. Die Aktion gehe zulasten des Streubesitzes, der nach Rasingers Berechnung eine signifikante Verwässerung von fast drei Euro je Aktie hinnehmen müsse.

In der Kritik steht auch, dass die nun ausgegebenen Aktien rückwirkend bereits ab dem 1. Januar 2019 dividendenberechtigt sind. Damit wird durch die Erhöhung der Stückzahl die mögliche Dividende 2019 geschmälert.

"Kennzahlen könnten sich durch Krise verschlechtern"
Bei der Immofinanz betrachtet man das freilich anders. "Wir haben eine wirklich gute Kapitalerhöhung geschafft in einem schwierigen Umfeld und konnten zum Schlusskurs platzieren, was nur selten vorkommt. Man hat auch gesehen, dass anschließend die Investoren über die Börse zugekauft haben", so Bettina Schragl, Investor-Relations-Chefin der Immofinanz. Grund für die Kapitalerhöhung sei die Stärkung der Kapitalbasis im Umfeld der Corona-Pandemie.

Unter anderem liege die Nettoverschuldung im Quartal bei knapp 44 Prozent. "Man muss aufgrund der Unsicherheiten davon ausgehen, dass es Abschläge bei den Immobilienbewertungen geben kann. Das würde eine Verschlechterung der Kennzahlen nach sich ziehen sowie Ungewissheiten bei der Bankfinanzierung. Außerdem wollen wir auch weiter unser Investmentgrade-Rating behalten", so Schragl.

Wachstum aus der Krise
Die Kapitalerhöhung sei auch ein vorausschauender Schritt gewesen, um alte Muster zu durchbrechen: Man wolle mit einer gestärkten Kapitalbasis aus der Krise heraus Möglichkeiten für günstige Akquisitionen haben. Historisch betrachtet habe die Immofinanz nach Krisen eher lang gebraucht, um wieder zu wachsen, so Schragl.

Im Detail hat die Immofinanz 15.418.824 Aktien, entsprechend rund 13,76 Prozent des derzeitigen Grundkapitals, zu einem Gesamtpreis von 236 Millionen Euro emittiert. Davon machen junge Aktien mit rund zehn Prozent des Grundkapitals den Löwenanteil aus. Eigene Aktien wurden im Ausmaß von 3,76 Prozent des Grundkapitals emittiert. Die Pflichtwandelanleihe mit einer Gesamtnominale von 120 Millionen Euro entspricht rund 6,24 Prozent des Grundkapitals. (eml)