Es geht um den womöglich größten Fall von Anlagebetrug im Internet in Europa: Ermittler aus Deutschland und Österreich gehen davon aus, dass sich hinter insgesamt fünf vermeintlichen Trading-Plattformen und rund 390 weiteren, ähnlich aufgebauten Webseiten im europäischen Ausland ein und derselbe international tätige Betrüger-Ring verbirgt. Kopf der Bande von Anleger-Abzockern soll ein 55-jähriger Deutscher sein. 

Bei bislang 35 Hausdurchsuchungen wurden mehr als fünf Terabyte an Daten sichergestellt, darunter die Namen von mehr als 200.000 Kunden allein aus Deutschland. Das melden die Nachrichtenredaktionen des Saarländischen Rundfunks (SR) sowie des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die Unterlagen der Staatsanwaltschaft Saarbrücken einsehen konnten, welche die laufenden Ermittlungen leitet und mit der Zentralen Wirtschaftsstaatsanwaltschaft aus Österreich kooperiert.

Per Call in die Katastrophe 
Auf den als Handelsplattformen getarnten Webseiten sollten Nutzer vermeintlich schnelle Gewinne mit Wetten auf Aktienkurse, Währungsschwankungen und anderen Investments erzielen können. Zum Teil boten die Seiten auch den angeblichen Handel sogenannter Krypto-Währungen wie etwa Bitcoin an, heißt es im Bericht. Gekördert wurden die potenziellen Opfer bevorzugt über soziale Netzwerke.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Betrüger nach der Anmeldung und ersten Einzahlungen die möglichen Geschädigten über selbsternannte Berater per Chat und Telefon kontaktierten, um sie unter Druck zu setzen, indem auf angeblich besonders lukrative und einmalige Handelschancen hingewiesen wurde. Die Nutzer sollten so verleitet werden, mehr Geld auf die Konten einzuzahlen. Später seien dann angeblich erzielte Gewinne nicht ausgezahlt worden. Dazu habe die Bande zum Beispiel Softwarefehler vorgetäuscht, berichten Opfer den Rundfunkredakteuren. Oder die "persönlichen Berater" waren plötzlich verreist und unerreichbar. 

Ganzes Ausmaß noch nicht absehbar
Laut den Recherchen sollen die Betrüger sogar eigene Callcenter betrieben haben. Eines davon wurde vor einigen Wochen im Kosovo durchsucht, es laufen weitere Ermittlungen in Österreich, Deutschland, Bulgarien und Tschechien, berichten SR und NDR. Zurzeit werde davon ausgegangen, dass auf den Plattformen niemals Handel stattgefunden habe, sondern die mutmaßlichen Betrüger von Anfang an nur das eingezahlte Geld abzweigen wollten.

Wie hoch der Schaden ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Er könnte Hunderte Millionen Euro betragen. Derzeit liegen allein in Saarbrücken 233 Strafanzeigen von Privatpersonen vor, mit Schadensummen von im Schnitt jeweils über 40.000 Euro. (fp)