Nicht nur Privatanleger, sondern auch Finanzprofis schätzen die Renditechancen am Aktienmarkt oft anders ein, als es gängige finanzökonomische Modelle vorhersagen. Dahinter stehen offenbar unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Unternehmensnachrichten in Aktienkurse einfließen und was sie für zukünftige Renditen bedeuten. Das zeigt eine Studie unter Beteiligung des Exzellenzclusters Econtribute der Universitäten Bonn und Köln.

Modelle reagieren rascher als der Mensch
Das größte Problem steckt in der Zeitachse: Der Aktienkurs reagiert in der Regel unmittelbar auf neue Informationen. Nach gängigen Modellen der Finanzmarktforschung ist die Information somit nach vier Wochen bereits im Aktienkurs enthalten. Anleger reagieren dagegen oft mit einer Zeitverzögerung. "Wenn ein Unternehmen gute Nachrichten verkündet, sehen viele Menschen vor allem die verbesserten Gewinnaussichten", erklärt Johannes Wohlfart, Professor an der Universität zu Köln. "Was sie dabei leicht übersehen ist, dass andere Marktteilnehmer diese Information auch kennen und der Aktienkurs oft schon darauf reagiert hat."

Für ihre Studie befragten die drei Ökonomen Peter Andre (Goethe-Universität Frankfurt), Philipp Schirmer (Universität Bonn) und Johannes Wohlfart (Universität zu Köln) über 7.000 Personen aus den USA und Deutschland, darunter die allgemeine Bevölkerung, Privatanleger, Finanzberater, Fondsmanager und Finanzmarktforscher. In einem Gedankenexperiment sollten die Teilnehmenden einschätzen, wie sich die Renditen nach einer vier Wochen alten Unternehmensnachricht entwickeln würden.

Mentale Modelle unterscheiden sich
Die Ergebnisse zeigen: Menschen ziehen aus denselben Informationen sehr unterschiedliche Schlüsse. So erwarteten rund 60 Prozent der Befragten aus der allgemeinen Bevölkerung, 74 Prozent der deutschen Privatanleger sowie mehr als die Hälfte der Fondsmanager (58 Prozent) und Finanzberater (63 Prozent) auch Wochen nach einer positiven Nachricht noch höhere Renditen. Nicht so die Finanzmarktforscher: Sie gingen dagegen überwiegend davon aus, dass sich die Renditen nicht ändern werden (67 Prozent).

Die Forscher führen diese Unterschiede darauf zurück, dass Menschen Nachrichten vor dem Hintergrund verschiedener mentaler Modelle bewerten. Diese beeinflussen, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten und welche Schlüsse sie aus Unternehmensnachrichten ziehen. Finanzmarktforscher gehen von Markteffizienz aus und beziehen sowohl zukünftige Gewinne als auch den gegenwärtigen Aktienkurs in ihre Betrachtung ein.

Die Kosten nicht bedacht 
Privatanleger fokussieren sich dagegen selektiv auf zukünftige Unternehmensgewinne und lassen den gegenwärtigen Aktienkurs außer Acht. "Private Anleger argumentieren, dass die Renditen steigen, weil das Unternehmen seine Gewinne weiter steigern und damit den Wert der Aktie erhöhen kann", erklärt Philipp Schirmer. "Was dabei außen vor bleibt, sind die Kosten für die Aktien, die ebenfalls gestiegen sind." (jh)