Es ist gar nicht so lange her, da durften männliche Bankangestellte, die lange Haare oder gar einen Zopf trugen, nicht im direkten Kundenkontakt arbeiten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Immer mehr Banken und Sparkassen verabschieden sich vom klassischen Banker-Outfit.

Dennoch: Ohne Regeln geht es nicht. Fünf Nachwuchskräfte der Sparkasse Hochschwarzwald haben für das Institut aus Titisee-Neustadt eine Dresscode-Empfehlung entwickelt, die in einem rund 20-seitigen "Styleguide" dokumentiert wird. Erlaubt sind beispielsweise dunkle Jeans und Chinohosen sowie für den Mann zudem ein Freizeithemd und Freizeitsakko, gerne ohne Schlips. "Mit dem neuen Dresscode gehen wir auf die veränderten Kundenerwartungen ein und möchten uns modern und offen präsentieren", sagt Privatkundenberaterin Jasmin Siebler. "Ebenso wollen wir für junge Mitarbeiter und Auszubildende als Sparkasse attraktiv sein und sie nicht mit einem strengen Dresscode abschrecken."

Auch in Sachen Körperschmuck, der bei vielen jungen Menschen angesagt ist, geben sich die Schwarzwälder Banker tolerant. "Für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dezente Tattoos ohne politische und religiöse Statements sowie Nasen- und Ohrpiercings erlaubt", sagt Siebler. "Beides muss für das Gegenüber jedoch noch ästhetisch wirken." Nicht erlaubt sind hingegen Nasenringe. Bei der Kleidung gelten kurze Hosen oder Miniröcke als "No go". Ebenfalls tabu sind Kapuzenpullis, knappe Tops, Flipflops und Turnschuhe.

Hanseatische Freiheit
Auch die Hamburger Sparkasse (Haspa) entwickelte vor rund zwei Jahren einen neuen Dresscode für die mehr als 5.000 Mitarbeiter des Hauses. Diese dürfen heute mit Jeans und Blazer oder Sakko zur Bank kommen – ganz ohne Krawatte. Bei der Gestaltung der neuen Kleiderempfehlungen unterstützte Christiane Dierks die größte deutsche Sparkasse. Mit ihrem "The Image Institute" berät die Hamburgerin Personen des öffentlichen Lebens, Führungskräfte und Unternehmen. FONDS professionell bat die Stilberaterin zum Interview.


Frau Dierks, woran liegt es, dass die Banken in den letzten Jahren ihre Kleiderrichtlinien immer mehr auflockern?

Christiane Dierks: Der gesellschaftliche Wandel in den letzten 50 Jahren, weg vom gehorsamen Befehlsempfänger und hin zum selbstbestimmten Mitarbeiter, zog auch einen Wandel der Kleidung nach sich. Hinzu kommt mehr Tragekomfort durch leichtere Verarbeitung und High-Tech-Materialien. Gepaart mit Bildern von Unternehmenslenkern wie Bill Gates und Dieter Zetsche hat all dies zur Lockerung des Bekleidungsverhaltens auch im Beruf geführt. Und zwar in allen Branchen, nicht nur bei den Banken. Für die verschiedenen Industrien gelten jedoch unterschiedliche Regeln. Was für Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung gilt, ist für Banken noch lange nicht angemessen. Ein Bank-Outfit muss in erster Linie seriös wirken. Zetsche signalisiert mit seinem Outfit Innnovation – in der Automobilbranche ein richtiges Zeichen.

Trotz der neuen Freiheiten gibt es immer noch Tabus. Was geht im Banker-Alltag gar nicht?

Dierks: Kleidung am Arbeitsplatz muss generell ausstrahlen: Ich bin hier, um aktiv am Unternehmenserfolg beizutragen. Zu legere Kleidung wirkt gegenteilig. Dabei gibt es jedoch ein Dilemma: Der "Wohlfühlfaktor" wird beruflich wie privat wichtiger genommen als der Faktor "Angemessenheit". Frauen unterschätzen oft die Wirkung von Kleidung im Beruf. Die verschiedenen Lebensphasen von Frauen – Ausbildung, Beruf, Mutterschaft mit Teilzeit – führen neben modischen Aspekten zu einer notwendigen Veränderung in der Kleidung. Hier wird oft nicht nachjustiert, was in der jeweiligen beruflichen Position angemessen ist, sondern getragen, worin frau sich gerade wohlfühlt. Männer sind bei gleicher Position beruflich oft angemessener gekleidet und wirken dadurch erstmal kompetenter. Regeln wären hier zur Orientierung dringend notwendig.

Ein Mehr an Freiheit bedeutet auch immer ein Mehr an Eigenverantwortung. Viele, vor allem männliche Banker sehnen sich nach dem klassischen Banker-Outfit zurück. Was können Sie diesen Mitarbeitern raten?

Dierks: Der Trick ist, sich eine neue, etwas aktualisierte "Berufsbekleidung" zusammenzustellen, über die man morgens genauso wenig nachdenken muss wie früher über die Kombination Anzug, Hemd und Krawatte (siehe Outfit-Beispiele in der Bilderstrecke oben). Grundsätzlich gilt: das Outfit darf nicht altmodisch wirken. Veraltete Kleidung assoziiert man oftmals mit einem veralteten Informationsstand.

"Kleider machen Leute." Gilt diese Weisheit heute immer noch?

Dierks: Ja, das gilt immer noch: Kleider machen Leute interessant, sympathisch, kompetent, autoritär, nahbar, unnahbar und vieles mehr. Kleidung drückt Gruppenzugehörigkeit, Status und innere Haltung aus. Beobachtet man heute die Menschen im Beruf, scheint vielen Individualität und Eitelkeit wichtiger zu sein als Angemessenheit. Guter Stil vereint beides: Outfits, die zur Person passen und individuelle Akzente haben, aber immer auch der Situation angemessen sind.

Vielen Dank für das Gespräch. (mh)