Bei 120 europäischen Publikumsfonds ist derzeit die Rücknahme von Anteilen ausgesetzt. Dies ist ein deutlicher Sprung gegenüber dem März, als "nur" 76 Fonds eingefroren waren, wie Zahlen der Ratinggesellschaft Fitch zeigen, die FONDS professionell ONLINE vorliegen. Demnach lag per Ende September ein Vermögen in Höhe von 64 Milliarden US-Dollar in gesperrten Fonds. In der heißen Phase des Kursverfalls an den Börsen wegen der Covid-19-Pandemie im Frühjahr war der damaligen Fitch-Auswertung zufolge Anlegervermögen in Höhe von 40 Milliarden Dollar in eingefrorenen Fonds "gefangen".

Im Zuge des Corona-Crashs hatten Anleger massiv Mittel aus Publikumsfonds abgezogen. Diese Abflüsse waren aber nicht der Hauptgrund für die verhängten Rücknahmestopps. "Die Ursache liegt diesmal bei der Bewertung der in den Portfolios enthaltenen Vermögenswerte", sagt Fitch-Analyst Alastair Sewell gegenüber FONDS professionell ONLINE. Der rapide Kursverfall im Zuge des Corona-Crashs hatte die Preisfindung für zahlreiche Wertpapiere erschwert oder unmöglich gemacht. "In der Vergangenheit waren hingegen meist Mittelabzüge Auslöser von Rücknahmebeschränkungen", erläutert Sewell.

Prominenter Fall
Der Kursverfall auf dem Börsenparkett wendete sich zwar in eine Aufholjagd. Dennoch ringen offenbar immer noch einige Portfoliomanager mit den Folgen des rapiden Kurssturzes. Ein prominentes Beispiel ist die Gesellschaft H2O Asset Management. Die Boutique von Starmanager Bruno Crastes hatte massiv in teils illiquide Papiere investiert, die dem Umfeld des schillernden deutschen Investors Lars Windhorst zuzurechnen sind. Nach einem massiven Kurssturz im März setzte H2O Ende August die Ausgabe und Rücknahme von Anteilen vorübergehend aus.

Die Gesellschaft überträgt das in liquide Wertpapiere investierte Vermögen in neue Vehikel. Die illiquiden Vermögenswerte sollen hingegen in den alten Fonds abgesondert und schrittweise liquidiert werden. Bei dem Verfahren nutzt H2O ein neu von den Regulierern eingeführtes Werkzeug für die Liquiditätssteuerung, das sogenannte "Sidepocketing". Dabei können die Fondslenker kritische Investments in "Seitentaschen" von Fonds parken.

Spannungsverhältnis
Grundsätzlich sehen die Analysten von Fitch in den Fondsschließungen keinen Grund zur Sorge. Trotz des deutlichen Anstiegs ist nur ein sehr geringer Anteil des in Publikumsfonds verwalteten Vermögens in den betroffenen Vehikeln gefangen. Dennoch hatten die Experten im Frühjahr bereits davor gewarnt, dass es zu einem Anstieg an Schließungen kommen kann. Besonders anfällig seien Fonds, die auf weniger liquide Investments setzen. Denn hier bestehe ein Spannungsverhältnis zwischen den Papieren im Portfolio und der vom Fonds gebotenen, täglichen Handelbarkeit. (ert)