Die Fondsbranche könnte gerade dabei sein, sich selbst neu zu erfinden. Gab es bislang aktiv verwaltete Fonds und seit mehr als 30 Jahren börsennotierte Indexfonds, könnte eine Art "Hybrid-Modell" neues Geschäftspotenzial ermöglichen. So berichtet Bloomberg, dass einige Vermögensverwalter Milliarden von Dollar in den Versuch investieren, in eine von Massen-Indexfonds beherrschte Anlagewelt die persönliche Note zurückzubringen. Mit von der Partie sind Morgan Stanley ebenso wie die ETF- und Indexriesen Blackrock und Vanguard. Sie versuchen, eine Software anzubieten, die für jeden Anleger einen eigenen Index erstellt und ihn dann die Werte dieses Indexes direkt kaufen lässt. Das Ergebnis? Eine Mischung aus aktivem und passivem Investieren, die die besten Eigenschaften beider Ansätze miteinander verbinden soll.

"Radikales" Potenzial
Technisch klingende Produktnamen wie “Custom Indexing” oder “Direct Indexing” täuschen über das das laut Bloomberg "radikale Potenzial" des Ansatzes hinweg. Dies sei eine Art Spotify für Kleinanleger, wo jeder seinen eigenen Fonds abmischt. “Custom Indexing wird die Zukunft der Vermögensverwaltung bestimmen”, sagt Patrick O’Shaughnessy, dessen 6,4 Milliarden Dollar schweres Finanzunternehmen im September von der Franklin-Templeton-Mutter Franklin Resources aufgekauft wurde: “Es liegt in unserer Verantwortung, die Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen.”

Für Kritiker ist das nur alter Wein in neuen Schläuchen und bloß der nächste Versuch, aktives Fondsmanagement neu zu verpacken, um höhere Gebühren verlangen zu können als die der meisten ETFs. Leute wie O’Shaughnessy hingegen sehen die Chance für Anleger, sich wieder mehr Kontrolle anzueignen und nicht alles den "Robos" zu überlassen.

Indexierungsplattform für Finanzberater
Was O’Shaughnessy Asset Management (OSAM) für Franklin Templeton attraktiv gemacht haben, ist eine maßgeschneiderte Indexierungsplattform namens Canvas. Sie wurde Ende 2019 eingeführt und hatte zum Zeitpunkt der Übernahme bereits ein verwaltetes Vermögen von 1,8 Milliarden Dollar erreicht. 

Canvas richtet sich an Finanzberater, die damit individualisierte Anlageportfolios für ihre Kunden erstellen können. Das hat die Vermögensverwaltungsbranche natürlich schon immer angeboten, doch normalerweise nur für eine wohlhabende Klientel. Eine ähnliche Diversifizierung wie die eines Index durch den Kauf von Hunderten Einzelwerten zu erreichen, war praktisch unmöglich und unökonomisch.

Anleger haben die Wahl
Doch dank leistungsfähiger Software und der Möglichkeit, auch Bruchteile von Aktien zu kaufen, ist die Strategie inzwischen für viel mehr Anleger zugänglich. Damit werden Dinge möglich, die bei ETFs nicht gehen, etwa basierend auf persönlichen Präferenzen Einzelwerte hinzuzufügen oder zu entfernen. 

Beim Direct Indexing gehen die Anleger häufig von einer etablierten Benchmark wie dem S&P 500 aus. Statt jedoch Anteile eines Fonds zu kaufen, der alle Indexwerte enthält, kaufen sie die einzelnen Indexmitglieder direkt. Dann können sie den Index nach eigenem Gusto verändern. Im letzten Jahr wurden bereits 350 Milliarden Dollar auf diese Weise investiert - Oliver Wyman und Morgan Stanley erwarten bis 2025 1,5 Billionen Dollar in diesem Bereich.

Weiße Leinwand
Canvas geht mit dem Custom Indexing noch einen Schritt weiter - wie bei einer weißen Leinwand (englisch: canvas) kann hier der Anleger seinen eigenen Lieblingsindex erschaffen. Mit der heutigen Technologie dieses Procedere für Investoren so billig geworden, dass sie ihre Portfolios bestücken können wie ihren Kleiderschrank, nach individuellem Geschmack und Laune, sagt O’Shaughnessy. “Dank der heutigen Technologie kann man den Kuchen nicht nur essen, sondern auch behalten.”

Für Fondsmanager liegt laut Bloomberg die Attraktivität klar auf der Hand: Custom oder Direct Indexing bietet die Chance, wieder mehr Gebühren zu verlangen.Skeptiker warnen Kleinanleger hingegen vor der Rückkehr zum Stockpicking. “Jede Studie der Welt zeigt, dass normale Leute nicht anfangen sollten, selbst ihr Geld anzulegen”, meint Wes Gray von Alpha Architect, einem Anbieter von ETFs und Direct Indexing, das er für ein Nischenprodukt für ganz spezielle Investoren hält. “All diese Tools werden nur die schlimmsten Verhaltensweisen fördern.”  (aa)