"Prognosemärkte wirken auf den ersten Blick ungewöhnlich", erklärt Jan Mooren, Finanzanalyst bei M.M. Warburg & Co., in einem aktuellen Marktkommentar. "Gehandelt werden dort keine klassischen Wertpapiere, sondern Eintrittswahrscheinlichkeiten für konkrete Ereignisse wie etwa Zinssenkungen, Wahlausgänge oder Inflationsdaten." Der Preis eines Kontrakts spiegele direkt die vom Markt erwartete Wahrscheinlichkeit wider. Anders als bei Umfragen fließe hier echtes Kapital in die Einschätzung ein.

Gerade das mache Prognosemärkte für Finanzakteure so interessant. Sie würden Erwartungen vieler Marktteilnehmer in Echtzeit bündeln und sich laufend an neue Informationen anpassen. "Während klassische Konsensschätzungen häufig schon Tage vor wichtigen Datenveröffentlichungen oder politischen Entscheidungen feststehen, reagieren Prognosemärkte bis zuletzt", so Mooren. "Sie liefern damit ein kontinuierlich aktualisiertes Stimmungsbild des Marktes, und das nicht auf Basis von Meinungen, sondern auf Basis von Risikokapital."

Warum diese Märkte funktionieren können
Spätestens mit den US-Wahlen 2024 sei das Thema aus der Nische herausgetreten. Während viele Umfragemodelle ein sehr knappes Rennen signalisierten, hätten Plattformen wie Kalshi oder Polymarket mit ihren Wahrscheinlichkeiten näher am tatsächlichen Ergebnis gelegen. "Das war für das Segment ein wichtiger Reputationsgewinn", so der Analyst. Seither habe sich der Eindruck verfestigt, dass Prognosemärkte mehr sein können als digitale Wettbörsen.

Den Grund dafür sieht Mooren in einem einfachen Mechanismus: Wer eigenes Geld einsetze, handele disziplinierter. In der Ökonomie spreche man von "Skin in the Game". Deshalb würden Marktteilnehmer gründlicher recherchieren, ihre Annahmen kritischer hinterfragen und ihre Einschätzungen schneller anpassen, wenn neue Informationen auftauchen. Mooren: "Fehler bleiben nicht abstrakt, sondern wirken sich unmittelbar im eigenen Portfolio aus."

Eine verdichtete Form kollektiver Intelligenz
Hinzu komme ein zweiter Effekt. "Gut informierte Händler haben einen Anreiz, Fehlbewertungen des Marktes auszunutzen", so der Experte. "Wenn ein Preis die tatsächliche Wahrscheinlichkeit schlecht widerspiegelt, entsteht für informierte Akteure die Chance, daran zu verdienen." Im Idealfall korrigiere sich der Markt dadurch selbst. So entstehe eine verdichtete Form kollektiver Intelligenz, die gerade bei kurzfristigen Ereignissen interessant sein könne.

Für große Finanzakteure sei vor allem der Datenaspekt spannend. Laufend gehandelte Wahrscheinlichkeiten für Rezessionen, Zinsschritte oder politische Entscheidungen könnten als zusätzlicher Input für Risiko- und Szenariomodelle dienen. Prognosemärkte würden damit potenziell zu einem neuen Informationslayer über den klassischen Kapitalmärkten.

Nichts ist perfekt
"Trotzdem sind Prognosemärkte kein perfektes Orakel", warnt Mooren. Ihre Aussagekraft hänge entscheidend davon ab, wie liquide ein Markt sei und wie viele informierte Teilnehmer handeln. Bei Nischenfragen oder einmaligen Ereignissen könne der Preis stark von einzelnen Akteuren beeinflusst werden. "Hinzu kommen regulatorische Grauzonen, mögliche Insiderprobleme und die teils problematische Vermischung von Finanzinformation und Wettgeschäft", so der Analyst.

Für Anleger liege der eigentliche Wert von Prognosemärkten weniger in der Spekulation als in ihrer Informationsfunktion. Sie würden sichtbar machen, wie der Markt die Zukunft in jedem Moment einschätze. Die Zukunft werde dadurch zwar nicht sicherer, aber die kollektive Erwartung darüber werde transparenter. Mooren: "Genau das könnte Prognosemärkte in den kommenden Jahren für die Finanzwelt immer relevanter machen." (hh)