Die Rückkehr höherer Zinsen, geopolitische Risiken und der Rückzug der Zentralbanken aus den Kapitalmärkten verändern laut Lazard Asset Management das Umfeld für aktive Aktienmanager grundlegend. Investoren interessieren sich deshalb wieder verstärkt für Extension-Strategien, sagte Paul Moghtader, Leiter des Equity-Advantage-Teams bei Lazard Asset Management, im Interview mit FONDS professionell ONLINE. 

Laut Moghtader haben während der Niedrigzinsphase expansive Zentralbankmaßnahmen viele Risiken im Markt überdeckt und künstlich niedrig gehalten. "Man könnte beinahe sagen: Die Zentralbanken hatten für Aktieninvestoren in den Jahren vor dem Ukraine-Krieg die Rolle des Risikomanagers übernommen", erklärt er. 

Das hat sich nun geändert. "In dem Maße, in dem Zentralbanken ihre Bilanzen reduziert und gleichzeitig die Zinsen erhöht haben, ist aus unserer Sicht die Bedeutung aktienspezifischer Risiken gestiegen", so Moghtader. Risiken müssten deshalb wieder stärker auf Unternehmensebene analysiert werden. "Investoren sind gezwungen, Risiken wieder in einer Weise einzupreisen, wie sie es in den vergangenen zehn Jahren nicht tun mussten", sagt er. "Insolvenzen sind wieder zu einem realen Risiko geworden. Und genau in diesem Umfeld mussten traditionell fundamental ausgerichtete Manager die Risikokontrolle gewissermaßen neu erlernen", so der Portfoliomanager. 

Warum Long-only an Grenzen stößt
Vor diesem Hintergrund stoßen klassische Long-only-Ansätze laut Lazard zunehmend an Grenzen. Gefragt seien Strategien, die stärker auf Unterschiede zwischen attraktiven und unattraktiven Einzeltiteln setzen.

Bei einer 130/30-Strategie investiert ein Manager zusätzliche 30 Prozent des Portfolios in Long-Positionen und finanziert diese über Short-Positionen im selben Umfang. "Letztlich verfügt man weiterhin über ein Portfolio, das hinsichtlich Länder-, Sektor-, Marktkapitalisierungs- und Beta-Exposure weitgehend neutral positioniert ist", erklärt Moghtader. 

Der Vorteil bestehe darin, zusätzliche Renditepotenziale zu erschließen, ohne gleichzeitig große Makro- oder Faktorwetten einzugehen. "Das wesentliche Risiko, das wir bewusst eingehen, ist aktienspezifisches Risiko. Aktive Länder-, Sektor- oder Beta-Risiken vermeiden wir hingegen", sagt Moghtader. 

Nach Angaben von Lazard erzielte die hauseigene 130/30-Strategie in den vergangenen zehn Jahren brutto rund 350 Basispunkte Outperformance gegenüber der Benchmark. Die vergleichbare Long-only-Variante habe im selben Zeitraum bei rund 170 Basispunkten gelegen. 

Größte Chancen bei Finanz- und Industriewerten
Interessant sei dabei, dass sich die zusätzlichen Long- und Short-Positionen nicht zwangsläufig an den Benchmark-Gewichten orientieren. Während der Technologiesektor inzwischen mehr als ein Viertel des MSCI World ausmacht, sieht Lazard derzeit die größten Opportunitäten vor allem in Finanz- und Industriewerten.

"Die größten Chancen sehen wir derzeit in der Divergenz zwischen attraktiven und unattraktiven Aktientiteln", erklärt Moghtader. Innerhalb derselben Sektoren würden dabei sowohl Long- als auch Short-Positionen aufgebaut. Der Fokus liege nicht auf Branchenwetten, sondern auf der Spreizung zwischen Gewinnern und Verlierern einzelner Geschäftsmodelle. "Dieser Ansatz ermöglicht es uns, Kapital nicht zwingend dort einzusetzen, wo die Benchmark das größte Gewicht hat, sondern dort, wo wir Chancen sehen", sagt Moghtader. 

Gerade durch die Short-Positionen eröffneten sich zusätzliche Möglichkeiten. "Dadurch können wir unsere Überzeugungen auch auf der Short-Seite zum Ausdruck bringen. In einem klassischen Long-only-Portfolio ließe sich das nur begrenzt abbilden", so Moghtader. 

Wachsendes Investoreninteresse
In Gesprächen zeige sich, dass sich Investoren zunehmend mit Extension-Strategien beschäftigen. "Ob Staatsfonds in Asien oder Pensionsfonds in Kanada und den USA – viele der Investoren, mit denen wir sprechen, zeigen Interesse an Extension-Strategien", berichtet Moghtader. 

Gerade in einem Umfeld steigender geopolitischer Risiken und wachsender Unsicherheit rund um künstliche Intelligenz suchten viele Anleger nach Möglichkeiten, zusätzliche Renditen zu erzielen, ohne gleichzeitig die Kontrolle über das Risikoprofil zu verlieren. "Für Investoren, die höhere Renditen anstreben und gleichzeitig in diesem Umfeld steigender Risiken die Risikokontrolle beibehalten möchten, ist dies eine attraktive Option", sagt Moghtader. 

Short-Positionen bergen eigene Risiken
Gleichzeitig warnt Lazard davor, die Risiken von Short-Positionen zu unterschätzen. Während Long-Positionen maximal einen Totalverlust erleiden können, seien Verluste auf der Short-Seite theoretisch unbegrenzt.

"Short-Positionen bergen grundsätzlich andere Risiken als Long-Positionen", so Moghtader. "Wir wenden auf der Short-Seite zusätzliche Risikobeschränkungen an, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Verluste bei Aktien-Leerverkäufen theoretisch unbegrenzt sein können." 

Für Investoren könnten 130/30-Strategien damit wieder zu einem wichtigen Instrument werden – in einer Marktphase, in der Einzeltitelrisiken stärker zählen als die Liquidität der Zentralbanken. (dv)