Seit Herbst sitzt Martin Kocher als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) im Rat der EZB – und erlebt die Geldpolitik dort aus nächster Nähe. Im Interview erklärt er, wie es um das Projekt des digitalen Euro steht.


Herr Kocher, das Thema "digitaler Euro" begleitet uns schon seit einiger Zeit. Viele haben das Gefühl, es bewegt sich wenig – manche sind froh darüber, anderen kann es nicht schnell genug gehen, weil sie darin die Zukunft sehen. Wo stehen wir derzeit beim Projekt digitaler Euro – und warum braucht es ihn Ihrer Meinung nach überhaupt?

Martin Kocher: Der digitale Euro ist ein großes Projekt der EZB, und die Vorbereitungen ­laufen nach Zeitplan. Zugleich sind es aber nicht nur technische Vorbereitungen – es braucht auch politische Entscheidungen: Beschlüsse der EU-Finanzministerinnen und -minister und des Europäischen Parlaments. Ein Teil dieser Entscheidungen könnte noch heuer fallen, vieles wird aber wohl erst im kommenden Jahr beschlossen. Der aktuelle Zeitplan des EU-Parlaments sieht eine Behandlung des digitalen Euro im Frühjahr 2026 vor. Wenn dieser demokratische politische Prozess wie geplant verläuft, ist das derzeitige Ziel, den digitalen Euro bis 2029 ausgerollt zu haben. Das klingt nach einem langen Zeitraum, ist aber notwendig, um Sicherheit, Funktionalität und Akzeptanz zu gewährleisten. Warum ist der digitale Euro sinnvoll? Im Kern ist er nichts anderes als Bargeld im Onlinehandel: eine Form von öffentlichem Zahlungsmittel für den digitalen Zahlungsverkehr – mit hoher Sicherheit, starkem Datenschutz und ohne Gebühren für Konsumentinnen und Konsumenten. Er soll eine Alternative zu bestehenden Zahlungssystemen sein und das Bargeld ergänzen, nicht ersetzen – das ist wichtig zu erwähnen. Derzeit sind wir in Europa bei vielen digitalen Bezahlformen stark von Anbietern aus den USA abhängig. Aus Sicht der Souveränität ist es daher wichtig, eine europäische Option zu schaffen.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Heute zahlen wir online meist über Zahlungsdienstleister oder Kreditkarten. Wie läuft eine Zahlung mit dem digitalen Euro technisch ab?

Kocher: Es wird eine digitale Geldbörse, eine Wallet, geben. Konsumentinnen und Konsumenten halten darin digitale Euro, die von ihrer Bank bereitgestellt werden. Beim Bezahlen – online oder im stationären Handel – wird dann von dieser Wallet aus bezahlt. Die Transaktion wird über ein Abwicklungssystem der EZB verarbeitet, aber die EZB selbst erhält keine personenbezogenen Daten. Die Zahlungsbeziehung besteht wie bisher zwischen Bank und Händler beziehungsweise zwischen Bank und Kundin oder Kunde. Der Datenschutz ist dadurch sehr hoch. In diesem Sinne nähert sich der digitale Euro der Logik von Bargeld an – nur eben in digitaler Form.

Viele Menschen befürchten eher mehr ­Kontrolle und Überwachung im Zahlungsverkehr. Der digitale Euro klingt in Ihrer Beschreibung fast nach einem Schritt in die Gegenrichtung – zu mehr Anonymität. Wie passt das zusammen?

Kocher: Wichtig ist: Der digitale Euro ist nicht dazu gedacht, sehr große Transaktionen abzuwickeln. Es wird ein sogenanntes Holding Limit, also ein Behaltelimit, geben. Das ist noch nicht final festgelegt, aber der Prozess dazu ist definiert. Mit dem digitalen Euro wird man keine neuen Autos oder Immobilien kaufen. Er ist für alltägliche Zahlungen gedacht – für Einkäufe, Dienstleistungen, kleinere und mittlere Beträge. In diesem Bereich ­sollen Zahlungen mit hohem Datenschutz erfolgen können. Größere Anschaffungen werden weiterhin über Bargeld, klassische Banküberweisungen oder andere bestehende Systeme abgewickelt. Für diese gelten natürlich auch die üblichen Kontroll- und Geldwäschebestimmungen.

Wie wird der digitale Euro technisch funktionieren?

Kocher: Es wird eine Zahlungsinfrastruktur dahinterstehen. Sie muss in der Lage sein, Zehntausende Transaktionen pro Sekunde in Europa sicher und effizient abzuwickeln. Das ist technisch anspruchsvoll und erfordert eine erhebliche Rechenleistung. An der Umsetzung werden auch private Unternehmen beteiligt sein – allerdings solche, die ihren Sitz in Europa haben, um neue Abhängigkeiten zu vermeiden. Die Idee ist, ein souveränes europäisches Zahlungssystem zu schaffen. Das schließt andere private Zahlungssysteme nicht aus – im Gegenteil: Sie können auf dieser Infrastruktur aufsetzen, zusätzliche Dienste anbieten oder mit dem digitalen Euro interagieren. Idealerweise entsteht so ein Ökosystem für Innovation im Zahlungsverkehr.

Gibt es Funktionen, die der digitale Euro bieten soll, die heutige Systeme nicht oder nur eingeschränkt ermöglichen?

Kocher: Ja, ein Beispiel sind Offlinezahlungen. Der digitale Euro soll so ausgestaltet sein, dass man auch ohne aktive Datenverbindung zahlen kann – etwa wenn kein Netz vorhanden ist oder falls es einen Stromausfall gibt. Die Transaktion würde lokal zwischen den Geräten abgewickelt und erst später, sobald wieder eine Verbindung besteht, im System verbucht. Das erhöht die Resilienz des Zahlungsverkehrs, auch in Krisensituationen. Aus meiner Sicht ist das eine sehr sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Systemen.

Danke für das Gespräch. (gp)


Ein umfangreiches Interview mit Martin Kocher finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2025 von FONDS professionell, die den Abonnenten in den kommenden Tagen zugestellt wird.