Software, die auf Basis von generativer KI arbeitet, ist in vielen Branchen bereits etabliert. Natürlich auch in der Finanzindustrie – und unter Finanzplanern. Allerdings ist die Nutzung immer noch begrenzt, viele Aufgaben können KI-Systeme immer noch gar nicht oder nur unzulänglich erfüllen. Viele Financial Planner beispielsweise kämpfen mit dem Problem, dass sie sehr viele Dokumente von Kunden erfassen und analysieren müssen, um Empfehlungen und einen Finanzplan erarbeiten zu können. Für das Scannen von Dokumenten gibt es natürlich längst Software, allerdings offensichtlich noch keine, die bruchfrei mit anderen Systemen kommunizieren und aus den Daten selbstständig Vorschläge für kommende Arbeitsschritte unterbreiten kann – jedenfalls berichten das Branchenkenner, die den hiesigen Markt kennen.

In Großbritannien ist man da weiter. Charles Riches, Director beim Londoner Financial-Planning-Spezialisten Capital Partners, berichtet im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE von den neuesten Entwicklungen bei KI für Finanzplaner in seiner Heimat.


Herr Riches, in Großbritannien sind KI-Lösungen für Finanzplaner deutlich weiter verbreitet als in Deutschland oder Österreich. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Charles Riches: Da kann ich nur auf meine persönliche Erfahrung zurückblicken, eine umfassende Analyse kann ich nicht liefern. Es gibt aus meiner Sicht mehrere Gründe: Unsere Branche ist recht groß und blickt auf eine längere Geschichte und damit Erfahrungswerte zurück. Daher sind viele Prozesse weit entwickelt, sodass sich immer die Frage stellt, wie wir noch effizienter arbeiten und Zeit für Kundengespräche gewinnen könnten. Ein typisches Gespräch dauert immerhin zwei Stunden, wir gehen sehr in die Tiefe. Alles, was diesen Prozess unterstützt, ist also von Interesse – und damit auch Lösungen auf Basis von KI. Hinzu kommt, dass der Markt in Großbritannien bereits weit konsolidiert ist und viele kleinere Finanzplaner von größeren Gesellschaften aufgekauft wurden, hinter denen wiederum oft US-amerikanische Beteiligungsgesellschaften stehen. Diese dringen sehr auf Effizienz, da sie schnell Ergebnisse sehen möchten.

Ähnliches geschah auch auf den britischen Maklermarkt.

Riches: Dann kennen Sie das Prinzip ja. Bei uns Finanzplanern spielt eine weitere Rolle, dass sich die Aufsicht, die Financial Conduct Authority (FCA), wohl intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat und KI inzwischen etwas entspannter gegenübersteht. Seit Ende Juli 2023 ist auch die sogenannte Consumer Duty Regulation in Kraft, eine umfassende gesetzliche Regelung, die den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Daher kann man gegenüber der FCA argumentieren, dass man, um für den Kunden tatsächlich positive Ergebnisse erzielen zu können, mehr Innovation und damit KI braucht.

Welche KI ist bei Capital Partners im Einsatz?

Riches: Wir nutzen keine der am Markt erhältlichen Systeme, da wir uns für einen individuellen Ansatz entschieden haben. Ausnahme ist Saturn AI. Das ist eine KI, die Gespräche mit Kunden aufzeichnet und sofort eine Zusammenfassung erstellt. Sie ist speziell auf den britischen Finanzdienstleistungssektor zugeschnitten. Sie achtet auf bestimmte Schlüsselpunkte, ob wir Risiken, Risikobereitschaft, Verlusttragfähigkeit und all diese Dinge angesprochen haben. Dazu analysiert sie den Tonfall des Kunden und erkennt Aussagen, die auf eine besondere finanzielle Schutzbedürftigkeit hindeuten – das ist der FCA sehr wichtig. Damit ist die Nachbearbeitung, die bislang ein großer zeitlicher Aufwand war, sehr schnell erledigt. Zudem kann die KI die Gespräche analysieren, die für Kunden offensichtlich aktuell wichtigen Punkte identifizieren und daraus etwa einen maßgeschneiderten Blog-Beitrag verfassen.

Klingt nach einem echten Mehrwert!

Riches: Ja, allerdings kommuniziert Saturn nicht mit unserem Aufgabenverwaltungssystem und kann nicht auf ältere Dokumente zurückgreifen. Auch Analysen, die wir einem Kunden präsentieren, erstellt diese Software nicht. Der nächste Schritt, den wir gerade gemeinsam mit einem Technologieunternehmen umsetzen, ist daher ein KI-basiertes Operating System, das neben Saturn AI auch auf andere bestehende IT-Infrastruktur zugreifen kann. Die KI kann die komplette Kundenakte durchsuchen, sie prüft Testamente, rechtliche Unterlagen und Treuhanddokumente. Das funktioniert auch, wenn die Daten und Dokumente wie im Moment über mehrere Systeme verteilt sind. Die KI erstellt auch eine Cash-Flow-Analyse, ist direkt mit der Investmentplattform verknüpft und übernimmt die Performance-Analyse sowie das Rebalancing. Auf einem Dashboard werden dann aktuelle Werte, die Performance, Zu- und Abflüsse sowie Steuerberechnungen angezeigt – in Echtzeit. Meines Wissens nach gibt es so etwas auf dem britischen Markt bisher nicht.

Beeindruckend. Aber wann starten Sie damit? Von wie vielen Monaten Anlaufzeit reden wir?

Riches: Ich habe bereits Live-Anwendungen gesehen! In den kommenden Wochen, nicht Monaten, werden wir das ausrollen können. Wir gehen davon aus, dass wir, bedingt durch die Laufzeiten der Nutzungsvereinbarungen, unser Back-Office-System bis Mitte nächsten Jahres ablösen können. Auch einige andere ältere Service-Tools, etwa zur Erstellung von Cashflow-Analysen, werden dann entfallen, da die KI deren Aufgaben übernimmt. Das ist so etwas wie der "Heilige Gral" für Finanzplaner!

Und was ist mit dem Datenschutz und anderen rechtlichen Vorschriften?

Riches: Wir mussten natürlich sicherstellen, dass ausreichende Schutzmaßnahmen bestehen – sei es rechtlich, vertraglich oder im Hinblick auf Privatsphäre und Datenschutz. Das steht absolut im Vordergrund. Wir schützen die Daten unserer Kunden schon alleine dadurch, dass wir ein eigenes System haben und nicht auf Claude oder Copilot angewiesen sind, bei denen man sich durchaus fragen muss, was sie mit den Daten machen.

Wie wird die KI Ihre Prozesse verändern?

Riches: Die große Herausforderung ist nun, was wir mit der Zeit anfangen, die uns die KI gibt. Diese müssen wir effizient nutzen. Ich persönlich habe meine eigenen Vorstellungen davon: Ich bin 48 Jahre alt und mache den Job seit 27 Jahren. Ich möchte weniger Kunden betreuen, dafür aber einen deutlich besseren Service bieten. Ich möchte mehr Vorträge halten und mich stärker um die Geschäftsentwicklung kümmern – schließlich bin ich auch Vertriebsleiter –, sowie Schulungen und Mentoring übernehmen. Das ist es, was ich tun möchte.

Okay, aber was wird die Branche als Ganzes tun, wenn die KI den Beratern mehr Zeit für die Kunden gibt?

Riches: Das hängt wirklich vom Geschäftsmodell der jeweiligen Finanzplaners ab. Wahrscheinlich wird es zwei Gruppen geben: Die einen werden versuchen, sich auf anspruchsvollere Kunden mit komplexen Vermögen zu konzentrieren. Andere wiederum werden versuchen, mehr Kunden zu gewinnen und zu betreuen. Es gibt diese großen Anbieter für den Massenmarkt schon jetzt.

Wir danken für das Gespräch. (jb)