Die Europäische Union und Großbritannien sollten nach Ansicht der City of London eine "ernsthaftere" Diskussion darüber führen, wie sie zur Stärkung beider Volkswirtschaften ihre Zusammenarbeit im Bereich der Finanzdienstleistungen ausbauen können.

Die Verbindungen zwischen den Finanzmärkten beider Regionen seien trotz Brexit-bedingter Verlagerungen weiterhin stark, heißt es in einem am Mittwoch (14.1.) veröffentlichten Bericht der "City of London Corporation" und des finanzindustrienahen Thinktanks "New Financial". Zwei Drittel der Euro-Derivate werden demnach noch immer in London gehandelt, nachdem die Regulierungsbehörden davon abgerückt sind, größere Teile des Marktes in die EU zu zwingen.

Warnung vor EU-Kapitaladäquanzrichtlinie
Die Studie warnt vor der sogenannten EU-Kapitaladäquanzrichtlinie, die 2027 umgesetzt werden soll. Sie würde Nicht-EU-Banken daran hindern, Kredite in der Europäischen Union zu vergeben, sofern sie keine lokalen Niederlassungen errichten.

"Dies könnte potenziell Investitionen aus London zu einem Zeitpunkt abwürgen, an dem die Wirtschaft der EU stagniert und große zusätzliche Investitionssummen benötigt", erklärte die City of London, das traditionelle Zentrum der britischen Finanzindustrie.

Starmer spricht über engere Anbindung an den Binnenmarkt
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer hatte zuletzt begonnen, über eine "engere Angleichung" zwischen Großbritannien und dem europäischen Binnenmarkt zu sprechen. Sein Bestreben, das Brexit-Abkommen fast ein Jahrzehnt nach dem Referendum abzumildern, verstärkt eine wachsende Debatte über die Bildung einer Zollunion mit der EU zur Belebung der britischen Wirtschaft.

Finanzsektor als zentraler Wirtschaftsfaktor
Finanz- und verwandte Dienstleistungen beschäftigen in Großbritannien mehr als 2,5 Millionen Menschen und erwirtschaften nach Schätzungen von "The City UK" rund zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Das Wachstum der Branche sei seit dem Brexit-Votum stärker getroffen worden als andere Sektoren, zeigen offizielle Daten.

Regulierungsspielräume und Zielkonflikte
Gleichzeitig hat der Brexit den britischen Aufsichtsbehörden die Möglichkeit eröffnet, während der EU-Mitgliedschaft festgelegte Regeln umzuschreiben – etwa zu Bonusaufschüben und Anlegerdokumenten. Manche hochrangigen Vertreter Londons schätzen die größere Flexibilität Großbritanniens bei der Regelsetzung außerhalb der EU.

"Wie immer gibt es einen Zielkonflikt", sagte Miles Celic, Chief Executive Officer von "The City UK".

Nähe zur EU hat ihren Preis
"Die EU ist nach den USA der zweitgrößte Markt für britische Finanzdienstleistungen – und eine engere Zusammenarbeit ist sinnvoll", sagte Celic. Ein Wiedereintritt in den Binnenmarkt oder eine Zollunion würde jedoch bedeuten, Handelsflexibilität gegen geringeren Spielraum bei der Gestaltung eigener Regeln und weniger Möglichkeiten für maßgeschneiderte Abkommen außerhalb Europas einzutauschen, fügte er hinzu. (mb/Bloomberg)