Schon früher war es für Unternehmen und Anleger alles andere als leicht, sich ethisch korrekt zu verhalten. Doch der Aufschwung der künstlichen Intelligenz verschärft diese Herausforderung noch, mahnt Wolfgang Palaver, der bis zu seiner Pensionierung eine Professur für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Innsbruck innehatte.

"Künstliche Intelligenz ist eine sehr mächtige Technologie", betont er im Interview mit FONDS professionell, das in voller Länge in Ausgabe 1/2026 erschienen ist. "Selbst einige KI-Gründer warnen ja, dass diese Technologie die Menschheit als Ganzes gefährden könnte", so der Theologe und Sozialethiker.

"Ganze Berufe und viele Arbeitsplätze fallen durch die neue Technologie weg"
"Tatsächlich wissen wir kaum, auf welche Konsequenzen wir uns einstellen müssen", sagt Palaver. "Darum ist im Umgang mit KI besondere Sorgfalt geboten, ohne die Technik gleich fundamentalistisch abzulehnen." Gefragt nach konkreten Risiken verweist der Wissenschaftler unter anderem auf den großen Energieverbrauch, der auch einen enormen Wasserbedarf zur Folge hat. "Ganze Berufe und viele Arbeitsplätze fallen durch die neue Technologie weg", prognostiziert Palaver.

Doch nicht nur das: "Auf den ersten Blick weniger offensichtlich ist, dass eine intensive KI-Nutzung unser Denkvermögen bedroht. Es ist mühsam, Dinge wirklich zu durchdenken, aber es handelt sich um eine sehr wichtige Kompetenz, die verloren gehen könnte." Entscheidend sei letztlich, die Menschenwürde nicht aus dem Blick zu verlieren – und das schon bei der Produktentwicklung. "Man könnte von 'Ethik by Design' sprechen. Das Ziel muss sein, mögliche Gefahren von Anfang an mit zu bedenken, statt nach dem Motto zu handeln: Wir entwickeln möglichst schnell, wird schon alles gut gehen!"

"So lange es die Chance gibt, das Schlimmste zu verhindern, sollten wir es versuchen"
Palaver verweist auf einen Vorschlag seines Kollegen Peter Kirchschläger, der in Luzern lehrt und eine Analogie zur Kernkraft zieht – eine Erfindung, die positiv genutzt werden kann, aber eben auch für Atomwaffen. "Er wirft die Frage auf, ob wir nicht eine UN-Organisation bräuchten, die sich um KI kümmert – ähnlich der Internationalen Atomenergiebehörde", berichtet Palaver.

Doch ist es nicht ohnehin zu spät, den Geist zurück in die Flasche zu bekommen? Beispielsweise machen es Deep-Fake-Videos schon heute quasi unmöglich, zu beurteilen, was real ist und was nicht. "Es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die argumentieren, das Internet sei schon so zugemüllt, dass es längst nicht mehr die Funktion erfüllen kann wie noch vor zehn Jahren", räumt Palaver ein. "Doch so lange es die Chance gibt, das Schlimmste zu verhindern, sollten wir es versuchen. Vielleicht ist es gerade noch nicht zu spät."

Arbeit im Beirat eines Asset Managers
Seine Gedanken bringt der Sozialethiker seit mittlerweile mehr als 20 Jahren in das Ethik-Komitee des Zürcher Asset Managers Arete Ethik Invest ein. Dort diskutiert Palaver Monat für Monat mit Wissenschaftlern anderer Fachrichtungen, welche Unternehmen für die Fonds des Anbieters infrage kommen – und welche nicht. Der Innsbrucker Hochschullehrer erwartet, dass die Folgen der KI bei diesen Beiratssitzungen eine immer wichtigere Rolle spielen werden. (bm)


Das vollständige Interview mit Wolfgang Palaver lesen Sie in FONDS professionell 1/2026 ab Seite 150. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin abrufen.