Christian Rieck, Jahrgang 1963, macht nicht nur als Wissenschaftler und Autor Karriere, er ist auch als launiger Redner gefragt, unter anderem zur Frage, wie der Megatrend rund um Digitalisierung, künstliche Intelligenz (KI) und Robotik die Finanzbranche umkrempeln wird. Im Interview mit FONDS professionell erläutert er, was KI für den Bankensektor bedeutet.


Herr Professor Rieck, wie erklären Sie einem Laien das Thema "künstliche Intelligenz"?

Christian Rieck: Künstliche Intelligenz bedeutet, dass Computer nicht mehr genaue Anweisungen bekommen, was sie tun sollen, sondern dass sie selber lernen können. Es wird für meine Begriffe immer noch hoffnungslos unterschätzt, welche Auswirkungen das für die Zukunft haben wird. Vielfach haben wir das Gefühl, dass künstliche "Intelligenz" eine Übertreibung sei, weil die Rechner kein Bewusstsein entwickeln. Aber das ist eine Fehleinschätzung: Für rein kognitive Leistungen braucht man kein Bewusstsein.

Welche Anwendungsgebiete sehen Sie im Bankenumfeld neben den vielfach diskutierten Themen Betrugsprävention im Zahlungsverkehr und dem Bereich "Know your Customer"?

Rieck: Ich fürchte, man muss die Frage andersherum stellen: In welchen Bereichen der Bank gibt es keine Anwendungsmöglichkeiten? Und da fällt mir leider kein einziger ein. Computer sind wie geschaffen für die Aufgaben in einer Bank oder auch einer Versicherung. Dass wir in der Vergangenheit noch Menschen brauchten, lag daran, dass sich Computer bisher mit unscharfen Daten und Aufgaben schwergetan haben. Auf einmal löst KI solche Aufgaben aber. In gewisser Weise kann man KI zu großen Teilen als Übersetzer ansehen, der Schnittstellenprobleme auf den verschiedensten Ebenen löst. Angefangen von der Systemebene bis hin zur Kommunikation mit Menschen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hemmnisse beim Einsatz der KI bei Kreditinstituten?

Rieck: Regulierung, Altsysteme und Fairness. Die Regulierung verhindert, dass man beliebige neue Systeme einfach mal nebenbei einführen kann wie im Buchhandel. Das hat die Branche länger als andere Branchen vor den "Big-Techs" geschützt. Dass die Banken ihre Schonfrist so schlecht nutzen konnten, liegt daran, dass sie sehr früh in die IT eingestiegen waren und daher jetzt von geschichteten Altsystemen abhängen, die man nur mit extremem Aufwand KI-tauglich machen kann. Und dann gibt es noch etwas, woran nicht automatisch gedacht wird: Banken behandeln die Kundendaten als etwas Privates und Schützenswertes. Wir verkennen das gesellschaftlich aber völlig und verwechseln das mit altmodischem Denken. Da die Daten der Kunden sehr viel wert sind, gibt das den Tech-Unternehmen einen wesentlichen Vorsprung in der Monetarisierung, weil dort derartige Fairness-Überlegungen keine Rolle spielen.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Möglichkeiten könnte die KI beispielsweise in 20 Jahren im Einsatz für die Banken bieten?

Rieck: In 20 Jahren ist jedes Smartphone in unserer Tasche leistungsfähiger als unser Gehirn, obgleich es dann natürlich nicht mehr so heißen wird und vielleicht als Implantat vorliegt. Heutige Banken sind die Schnittstelle zwischen Menschen und Märkten. Diese Funktion wird dann in der jetzigen Form nicht mehr nötig sein. Die Banken müssen sich also völlig neu erfinden, um die neuen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn ich wüsste, welche das sind, würde ich sie natürlich nicht hier verraten, sondern ein Start-up gründen.

Vielen Dank für das Gespräch. (mh)


Einen ausführlichen Artikel zum Einsatz von KI in Banken lesen Sie in FONDS professionell 4/2019 ab Seite 238. Angemeldete FONDS professionell KLUB-Mitglieder können den Beitrag auch hier im E-Magazin abrufen.