Während Banken seit Anfang der Corona-Krise weiterhin ihre Dienstleistungen im persönlichen Kundenkontakt anbieten dürfen, wurden die Betriebsstätten der heimischen Vermögensberater mit einem Kundenbetretungsverbot belegt. Dies stößt bei den 5.200 Unternehmen und Beratern zunehmend auf Unverständnis. Sie sind der Meinung, dass die Aussagen von Andreas Treichl, Obmann der Sparte Banken und Versicherungen, auch auf ihren Bereich zutreffen. Dieser erklärt erst kürzlich: "Es ist unsere Aufgabe, uns um die finanzielle Gesundheit der Menschen zu kümmern. (…) Das kann nicht alles digital passieren.“

Finanzdienstleister nehmen systemrelevante Rolle ein
Für den Fachgruppenobmann der Finanzdienstleister Hannes Dolzer erscheint es sachlich nicht gerechtfertigt und daher gleichheitswidrig, dass beispielsweise die persönliche Wertpapierberatung in einer Bankfiliale erlaubt ist, während die gleiche Dienstleistung eines Wertpapierunternehmens, eines Gewerblichen Vermögensberaters oder eines Wertpapiervermittlers verboten ist. "Aktuelles Ziel ist daher die ehestmögliche und flächendeckende Öffnung all unserer Betriebe. Dafür fordern wir sofortige Erleichterungen. Wir Finanzdienstleister nehmen systemrelevante Rollen im Wirtschaftskreislauf ein, die gerade in Krisenzeiten wichtiger denn je sind“, erklärt der Fachgruppenobmann. 

Die aktuelle Situation führt laut Dolzer dazu, dass einerseits "nicht-digitalisierten" Beratern, die ihre Dienstleistung ausschließlich im persönlichen Kontakt erbracht haben, die Geschäftsgrundlage entzogen wird und sie langfristig mit erheblichen Einkommenseinbußen konfrontiert sind. 

Zudem werden "nicht-digitalisierte" Bevölkerungsschichten (dabei handelt es sich insbesondere um ältere und einkommensschwächere Menschen) von der Möglichkeit zur persönlichen und individuellen Finanzvorsorge beziehungsweise  -versorgung abgeschnitten. Diese sind gezwungen, auf wenig bis nicht qualifizierte Alternativen (wie Freunde, Familie) zurückzugreifen.

"Weiters ist festzuhalten, dass die Dienstleistung der Beratung zur Finanzsituation und zur Vorsorge für die Bevölkerung und den einzelnen Kunden gerade in Krisenzeiten besonders wichtig ist. Es ergeben sich laufend Unsicherheiten und veränderte Lebenssituationen mit Auswirkungen auf die aktuelle persönliche Situation, die rasch gelöst werden müssen. Ebenso sind Beratungen in Bezug auf Wertpapiere in Zeiten immer wieder fallender und steigender Kurse zur Vermeidung oder zumindest Beschränkung von Vermögensverlusten sehr wichtig. Somit sind die Beratung und Vermittlung von Wertpapieren, Krediten sowie Lebens- und Unfallversicherungen neben der Zahlungsdienstleistung als systemrelevante Finanzdienstleistung innerhalb einer Volkswirtschaft beziehungsweise einer Gesellschaft zu betrachten. Das sieht auch die österreichische Bundesregierung so. Anders ist es nicht zu erklären, warum Banken vom genannten Betretungsverbot ausgenommen sind", führt Dolzer weiter aus.

Stufenplan zur Öffnung
Für die Fachgruppe steht es daher außer Frage, dass das Betretungsverbot für Betriebsstätte  so rasch wie möglich aufgehoben werden muss. Daher haben die Standesvertreter folgenden Stufenplan entwickelt: 

1. Ermöglichung der Übergabe von Dokumenten und Kundenidentifikation beim Kunden:
Damit können die zwingenden aufsichtsrechtlichen Anforderungen (wie die Sorgfaltspflichten bei der Geldwäscheprävention) technologieneutral eingehalten werden. Die üblichen Schutzmaßnahmen können dabei eingehalten werden.

2. Ermöglichung der Betriebsöffnung zum Vertragsabschluss: Dabei sollen die bereits für den Handel geltenden Präventionsmaßnahmen, wie die Einhaltung von einem Meter Abstand, die Beschränkung von einem Kunden pro 20 Quadratmeter sowie die Schutzmaskenpflicht für Berater und Kunden eingehalten werden. Dies ist durch strenge Vorab-Terminvergaben möglich.

3. Ermöglichung der umfassenden Betriebsöffnung unter Einhaltung der geltenden Präventionsmaßnahmen. (gp)