Frauen müssen mit weniger Geld länger auskommen. Einige Finanzberaterinnen und -berater in Österreich stellen genau diese Tatsache ins Zentrum ihrer Arbeit und konzentrieren sich auf ein weibliches Zielpublikum. Mit Erfolg, wie ein Artikel zeigt, der in der aktuellen Printausgabe von FONDS professionell erscheint.  

Marietta Babos, Gründerin der Vermögensberatung Damensache und Initiatorin der Frauenberatungsschiene beim Haftungsdach Finum, illustriert den Bedarf mit ihrem überquellenden Terminkalender: "Der Markt braucht das. Ich bin die kommenden sechs Wochen komplett ausgebucht", sagt die Expertin, die in einem Team mit 20 BeraterInnen arbeitet. Auch die Damensache-Webinare verdeutlichen bei durchschnittlich 600 bis 700 Teilnehmerinnen das Interesse am Thema. Dabei hätten ihr Branchenkenner abgeraten, in so eine Nische einzusteigen. "Es war auch ein wenig Trotz dabei, es doch zu machen", sagt die studierte Makroökonomin und langjährige Unternehmensberaterin. Entscheidend war aber ein anderes Erlebnis, nämlich als ihre früh verwitwete Mutter mit Altersarmut konfrontiert war. "Ich habe mir gedacht, das kann nicht sein, dass Frauen systematisch benachteiligt sind", so Babos.

Eklatante Lücke in der Pension
Die Zahlen, die diese systematische Benachteiligung belegen, sind seit Langem bekannt: Frauen leisten den Hauptteil unbezahlter Sorgearbeit (Kinder, Haushalt, Pflege, etc.). Dafür reduzieren sie ihre Erwerbsarbeit: 73 Prozent der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren, die Kinder unter 15 Jahren haben, arbeiten Teilzeit, während das nur knapp sieben Prozent der Männer tun (Zahlen Statistik Austria). Selbst wenn man die tatsächlich bezahlten Stunden vergleicht, erhalten Frauen fast ein Fünftel weniger Lohn. In dieses Bild fügt sich ein scheinbar unvermeidlicher Karriereknick durch das Kinderkriegen: Noch zehn Jahre nach der Karenz bekommt eine Frau nur 67 Prozent des Salärs einer Kollegin, die durchgehend gearbeitet hat, errechnet Agenda Austria. Das alles führt am Ende des Erwerbslebens zu einer eklatanten Kluft: Die gesetzliche Alterspension macht im Durchschnitt nur 1.219 Euro aus, während es bei den Männern 2.104 Euro sind.

Geschlechterspezifische Finanzberatung bedeutet, dieses Wissen parat zu haben. Da wird etwa mitbedacht, dass Frauen statistisch fünf Jahre länger leben, also ihr Erspartes anders aufteilen müssen. Es werden keine gesonderten Produkte eingesetzt. Aber der Pensionsvorsorge komme angesichts der Armutsgefährdung eine vorrangige Stellung zu, sagt Babos.

Scheidungsstatistik sollte zu Denken geben
Wie deutlich die systematische Schlechterstellung ist, sei selbst langjährigen Profis manchmal nicht bewusst, sagen Expertinnen im Gespräch. "Frauen fallen in der Wahrnehmung der Berater oft durch. Klassiker ist die Unternehmerfamilie, wo die Frau nur geringfügig angemeldet wird, und in der Pension oder bei der Scheidung fehlt dann das Geld", sagt Larissa Kravitz aus ihrer Beratungserfahrung. Die Finanzmarktexpertin hat als "Investorella" eine Vermögensberatungs- und Informationsplattform aufgebaut. Ihr Markenzeichen: mit viel Humor die ernste Sache erklären. Frauen seien "ultimative Hardcore-Spekulantinnen", wenn sie sich angesichts einer Scheidungsquote von 40 Prozent bei der Altersvorsorge allein auf den Hauptversorger verlassen, meint Kravitz etwa in einem ihrer Blog-Einträge. Investieren sei da deutlich weniger riskant.

Wie hoch der Bedarf nach diesen spezifischen Inhalten ist, habe sie selbst unterschätzt, sagt Kravitz. Gleich das erste Seminar vor rund vier Jahren sei sofort ausgebucht gewesen. Honorarberatung, Workshops und ein Buch zum Thema hätten für sehr intensive Jahre gesorgt.

Bankenausbildung ignoriert das Thema vollkommen
Die Nachfrage ist wohl auch deshalb so hoch, weil große Finanzvertriebe wie Banken auf dieses Thema noch fast gar nicht eingehen, wie die Recherche zeigt. Bei kaum einem Institut in Österreich können Berater Seminare buchen, wo spezifische Bedürfnisse weiblicher Zielgruppen vermittelt werden. "Interessant", heißt es bei Raiffeisen, aber es gebe kein Angebot. Man müsse ohnehin jeden in seiner Lebenssituation abholen, sagen die Volksbanken. Und ein Bawag-Manager argumentierte jüngst just bei der Präsentation einer Studie über Frauen und Finanzen, der Pensionsgap treffe Männer ja auch.

Eine Ausnahme ist offenbar derzeit die Erste Bank. Dort werden gerade niederschwellige Fortbildungsangebote für die Finanzberatung von Frauen vorbereitet, beispielsweise Kurzvideos. 50 Prozent der Kunden seien weiblich, betonte ein eine Diversity Managerin: "Das ist kein Sozialprojekt, sondern ein Business Case", sagte sie. (eml)


Der gesamte Artikel erscheint in der aktuellen Heftausgabe von FONDS professionell 1/2022 und kann auch im E-Magazin gelesen werden.