Seit Jahren zählt die Diskussionsrunde mit "ORF"-Journalist Armin Wolf zu den Höhepunkten am FONDS professionell KONGRESS. Seine pointierten Fragen sind bei Publikum und Diskutanten gleichermaßen gefürchtet wie geschätzt. Heuer jedoch blieb Wolfs Stuhl leer: Der Journalist sitzt derzeit im Nahen Osten fest und konnte nicht rechtzeitig anreisen.

Ganz ohne kritische Fragen blieb die Runde aber nicht: FONDS professionell-Herausgeber Gerhard Führing übernahm die Moderation kurzerhand. Denn auf dem Podium hatte sich mit Marion Morales Albiñana-Rosner (Unicredit Bank Austria), Philipp Vorndran (Flossbach von Storch), Thomas Schüßler (DWS) und Ulrich Kaffarnik (DJE Kapital) einmal mehr eine hochkarätige Runde versammelt.

"Was hat Sie in diesem Jahr am wenigsten überrascht?"
Angesichts der derzeitigen geopolitischen Unsicherheiten blieb eine spannende Diskussion jedenfalls nicht aus. Gastgeber Gerhard Führing spannte zunächst den Bogen über die jüngsten Markt- und geopolitischen Schocks: Turbulenzen bei Aktien und Anleihen, verschobene Zollthemen, ein sprunghafter Goldpreisanstieg sowie eine allgemein spürbare Nervosität rund um Konflikte und Machtpolitik. Seine Einstiegsfrage formulierte er bewusst zugespitzt: "Was hat Sie in diesem Jahr am wenigsten überrascht?"

Die Antwort kam trocken. "Trump – nicht im Inhalt, sondern in der Unberechenbarkeit", sagte Morales. Schüßler ergänzte mit Blick auf den starken Goldpreis: "Darauf musste man vorbereitet sein. Ein Präsident der USA, der für Unsicherheit sorgt, ist natürlich gut für Gold." Vorndran pflichtete bei: "In der Goldanalyse kann ich mich nur anschließen." Kaffarnik verwies zudem auf mehrere bemerkenswerte Entwicklungen gleichzeitig, etwa den starken Goldpreis, die Schwäche des US-Dollar und die Resilienz vieler Unternehmen.

Doch wie investiert man in einer Welt, in der Politik wie ein permanenter Störsender wirkt? Und wie stark muss man geopolitische Entwicklungen in Anlageentscheidungen einbeziehen, wollte Führing wissen. "Nicht panisch reagieren, sondern mit ruhigem Blick analysieren, was bestimmte Entwicklungen wirklich bedeuten könnten", sagte Morales. Wichtig sei, geopolitische Risiken zwar ernst zu nehmen, sie aber nicht zu überschätzen.

Politische Börsen haben kurze Beine
Vorndran sieht das etwas differenzierter. Neben den kurzfristigen politischen Ereignissen müsse man auch strukturelle Veränderungen berücksichtigen. Staaten müssten etwa zunehmend höhere Schulden aufnehmen, etwa aufgrund steigender Kosten oder geopolitischer Spannungen. Schüßler wiederum blieb gelassen: "Politische Börsen haben kurze Beine." Deshalb neige er dazu, politische Entwicklungen zunächst einmal auszublenden. Schließlich könnten steigende Preise auch steigende Unternehmensgewinne bedeuten. Kaffarnik stellte schließlich klar, dass die Aktienmärkte seiner Meinung nach nicht wegen, sondern trotz Trump laufen. 

Auch die viel diskutierte "Petro-Dollar"-These kam zur Sprache. Vorndran relativierte entsprechende Befürchtungen: Zentralbanken diversifizierten ihre Währungsreserven nicht nur aus dem US-Dollar, sondern generell breiter. Der Dollar bleibe deshalb stabil, solange globale Kapitalströme und die Attraktivität der US-Finanzmärkte erhalten bleiben. Gleichzeitig sei aber klar, dass geopolitische Unsicherheiten und Fragen der Rohstoffsicherheit strukturell zunehmen. Das könne Inflationstreiber verändern und langfristig auch Wachstumspfade verschieben. Selbst wenn Aktienmärkte Kriege historisch oft erstaunlich gut verkraftet haben. Kaffarnik verwies in diesem Zusammenhang zudem auf die zunehmende Verschuldung in den USA und eine mögliche strukturelle Schwäche des Dollar.

Künstliche Intelligenz wird für die Volkswirtschaft eine enorme Rolle spielen
Zum Abschluss der Diskussion kam schließlich noch ein Thema zur Sprache, das derzeit viele Branchen beschäftigt: künstliche Intelligenz (KI). Morales betonte, dass KI weit mehr sei als ein kurzfristiger Hype. Sie verändere Wissensarbeit, Researchprozesse, Softwaremärkte und letztlich auch die Produktivität der Wirtschaft. Mit entsprechenden Auswirkungen auf Ausbildung und Berufsprofile.

Vorndran brachte dazu ein bodenständiges Bild: Während KI viele Tätigkeiten schneller und effizienter machen werde, könnten handwerkliche und praktische Fähigkeiten künftig sogar wieder an Bedeutung gewinnen. Kaffarnik erwartet vor allem massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sieht das Thema an der Börse derzeit jedoch "extrem selektiv". Schüßler wiederum sprach von einer beeindruckenden technologischen Entwicklung, deren wirtschaftliche Folgen aber noch längst nicht vollständig abzusehen seien. Klar sei jedoch: Für die Volkswirtschaft werde KI in den kommenden Jahren eine enorme Rolle spielen. (cf)