Der frühere Chef des Fondsanbieters Abrdn, Martin Gilbert, mahnt die Branche dazu, sich nicht auf den zuletzt starken Mittelzuflüssen und der guten Performance nach dem Corona-Crash auszuruhen. "Angesichts des phänomenalen Wachstums der Branche über die vergangenen Jahre ist es verständlich, dass so manche Führungskraft selbstgefällig wird, gerade aufrgund der Erholung nach der Pandemie", so Gilbert in einem Gastbeitrag für den Branchendienst "Financial News".

Das von europäischen Asset Managern verwaltete Vermögen hatte im Mai die Marke von 20 Billionen Euro überschritten. Hinter den Zuwächsen steht zum einen die positive Entwicklung an den globalen Finanzmärkten, zum anderen aber auch die starke Nachfrage nach den Produkten. Die Fondsbranche kam damit glimpflich aus der Covid-19-Pandemie heraus. Zudem befeuern die Niedrigzinsen das Interesse der Sparer an Wertpapieranlagen.

"Phase der Trägheit"
Die gute Lage sollte die Fondsbranche jedoch nicht dazu verleiten, einfach weiterzumachen wie bisher, warnt Gilbert. "Da die Beschränkungen nach der erfolgreichen Einführung der Impfstoffe weiter gelockert werden, ist die Versuchung groß, sich auf den Lorbeeren auszuruhen", argumentiert der Ex-Vorstandschef. "Das wäre ein fataler Fehler". Zwar sei viel von einer Rückkehr zur "neuen Normalität" die Rede. "Aber aus Sicht der Vermögensverwaltung befürchte ich, dass das Gerede von einer 'neuen Normalität' zu einer Phase der Trägheit führen könnte."

Gilbert ist Mitgründer und langjähriger Lenker des schottischen Asset Managers Aberdeen. Er führte das Haus 2017 in die Fusion mit Standard Life und steuerte die neue Gesellschaft bis 2019 zusammen Standard-Life-Chef Keith Skeoch. Danach zog er sich zunächst in den Aufsichtsrat zurück und verließ letztendlich ganz das Unternehmen. Er rückte stattdessen in den Verwaltungsrat der britischen Neobank Revolut und der Investmentgesellschaft Assetco ein. Der Konzern Standard Life Aberdeen wiederum benannte sich jüngst in "Abrdn" um.

"Verantwortung auf den Einzelnen abgewälzt"
Der Schotte verweist auf die strukturellen Veränderungen, vor denen die Branche stehe. Dazu gehören die Zunahme passiver Anlageprodukte, die Verschiebung von börsennotierten Investments zu privaten Märkten, der Druck auf die Gebühren und die stärkere Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten. Auch das Profil der Anleger ändere sich. "Denn die Verantwortung für ihre finanziellen Angelegenheiten wird immer mehr auf den Einzelnen abgewälzt", erläutert Gilbert.

Eine weitere Veränderung sei die Tatsache, dass Kleinanleger eher bereit seien, verschiedene Anlageprodukte wie börsengehandelte Fonds (ETFs) in Betracht zu ziehen. Zudem stoße die Digitalisierung einen Wandel an. "Wie in anderen Bereichen ihres Lebens erwarten die Anleger, dass die Technologie bei der Verwaltung ihrer Finanzen eine Schlüsselrolle spielt", so der Ex-Abrdn-Vorstand. "Leider hinken die Asset Manager bei der Bereitstellung digitaler Dienstleistungen noch immer hinter anderen Branchen her."

Verdrängt oder geschluckt
"Die Vermögensverwalter haben eine erfolgreiche Zeit hinter sich", resümiert Gilbert. Aber um weiterhin erfolgreich zu sein, müssten sie die sich verändernde Landschaft erkennen und ihr Geschäft entsprechend weiterentwickeln. "Andernfalls droht ihnen die Gefahr, dass sie von neuen Marktteilnehmern, die in der Regel agiler und wendiger sind, verdrängt werden." Oder sie würden Gefahr laufen, von Banken und Versicherern, die in den Sektor zurückkehren, geschluckt zu werden, so Gilbert. "Wenn es jemals einen Zeitpunkt gab, paranoid zu sein und um die nächste Ecke zu schauen, dann ist es jetzt." Denn nur die Paranoiden würden überleben. (ert)