Die Probleme, die die DWS mit dem Vorwurf des "Greenwashings" bei ihren Fonds hat, zeigen, dass das Thema "nachhaltige Geldanlage" in eine neue Phase eingetreten ist. Es wird in Zukunft nicht ausreichen, sich um eine "ESG-konforme" Beratung und Anlage zu bemühen. Im Zweifel wird man nachweisen müssen, dass alles Machbare unternommen wurde, um erstens die Klientel zu dem Thema umfassend und korrekt zu informieren und die dabei ermittelten Wünsche im Anschluss korrekt umzusetzen.

Wer – anders als die Regulatoren, die das einfach einfordern können – in der Praxis tätig ist, weiß allerdings, wie schwierig das im echten Leben ist. Lösbar ist die Problematik nur mit Hilfe entsprechender IT-Werkzeuge, die eine Erstberatung mit realistischem Zeitaufwand sowie eine entsprechende Produktauswahl ermöglichen und in der Folge auch sicherstellen, dass die Portfolios nicht in falsche Richtungen driften.

Ein IT-Unternehmen, dass sich diesem Thema in jüngerer Zeit verstärkt verschrieben hat, ist das Wiener Softwarehaus FAIT Internet Software GmbH. FONDS professionell ONLINE sprach mit dem Unternehmensgründer Christian Grohs.

Herr Grohs, Sie beliefern eine Vielzahl österreichischer Private-Banking-Häuser und -Abteilungen mit dem Beratungswerkzeug "Portfolio Illustrator Advanced" (PIA), sehen Sie einen erhöhten Bedarf nach einer technischen Lösung für das ESG-Thema?

Christian Grohs: Ja, ohne IT-Lösung wird man das Thema gar nicht bewältigen können. Die Banken werden ab 2. August alle eine Lösung haben. Das müssen sie ja. Die Frage ist nur, ob diese Lösung für die Kunden der Bank auch gut genug ist. Unser Anspruch ist es nicht nur, die notwendigen Rahmenbedingungen einzuhalten, von denen es abgesehen vom aktuellen ESG-Thema im Zuge jedes Veranlagungsgesprächs noch viele weitere gibt, sondern den Private Bankern ein Tool an die Hand zu geben, das es ihnen ermöglicht, sich wirklich auf das Beraten an sich zu konzentrieren. Für alles weitere sorgt PIA live und im Hintergrund eines Beratungstermins.

Wie sieht Ihre Lösung dafür aus?

Grohs: Wir haben unser langjährig bewährtes Beratungstool PIA um einen Baustein erweitert, den wir "ESG-Engine" nennen, mit der Portfolioberatungen ab Tag eins der Kundenbeziehung den Anforderungen entsprechen.

Könnten Sie das konkretisieren?

Grohs: Unsere Lösung ermöglicht es erstens, die Anforderungen des Kunden hinsichtlich der Nachhaltigkeit seinem Bestand gegenüberzustellen. Und zweitens werden im Fall von Abweichungen gleich konkrete individuelle Vorschläge erstellt, um das Portfolio den Anforderungen anzupassen. Dabei können wir individuelle Wünsche berücksichtigen und müssen nicht eines aus einer Auswahl nachhaltiger Standardportfolios wählen. Unser Programm dafür heißt "Solver" und ist von außen einfach zu bedienen, obwohl die im Hintergrund laufenden Berechnungen komplex sind. Bei der Portfolioerstellung werden die Nachhaltigkeitswünsche per digitalem Schieberegler eingestellt, und zeitgleich erhält man Vorschläge aus den selbst gewählten Wertpapierlisten.

Sind die nun zu erwartenden rechtlichen Anforderungen so klar, dass sich das technisch umsetzen lässt? 

Grohs: Die Regulatorik ist natürlich komplex, aber wenn man sich eingehend damit beschäftigt, lässt sie sich vollständig umsetzen. Unser Tool überwacht, ob ein Depot den Nachhaltigkeitsvorgaben des Kunden hinsichtlich der EU-Taxonomie-Verordnung, der EU-Offenlegungsverordnung und der Berücksichtigung nachteiliger Nachhaltigkeitsauswirkungen entspricht. Neben diesen neuen Inhalten können weitere Individualwünsche von Kunden – sowohl auf Titel- als auch auf Portfolioebene – blitzschnell umgesetzt werden. Das spricht vor allem auch jüngere Generationen an.

Grundlage dafür sind ESG-Ratings?

Grohs: Es gibt ein Template, nach dem sich die Emissionshäuser richten, es handelt sich sozusagen um eine Tabelle, die Produktanbieter für jeden Fonds befüllen müssen.

Die Haltung der Kunden hinsichtlich ESG muss auch regelmäßig überprüft werden, wie gehen Sie damit um?

Grohs: Das ist eine Aufgabe der Kundenbetreuung. Unsere Software kontrolliert täglich mit Hilfe eines Monitoring-Tools, ob die Investments noch den ursprünglichen Anforderungen entsprechen. Ändert sich der Kundenwunsch, muss seine Portfolioeinstellung entsprechend angepasst werden.

Wie schnell werden geänderte ESG-Einschätzungen zu einzelnen Branchen, Themen und Einzelwerten in Ihrem Tool berücksichtigt?

Grohs: Täglich wird überprüft und täglich kann auch optimiert werden.

Welche Assetklassen werden abgedeckt?

Grohs: Grundsätzlich werden die Nachhaltigkeitsdaten für Fonds, Anleihen und Zertifikate zur Verfügung stehen. Es ist noch schwer zu sagen, da die Emittenten gerade erst dabei sind, die ersten Daten zu publizieren.

Wie sieht es mit der Kompatibilität zu anderen Systemen aus?

Grohs: Unser System ist ein sogenanntes API, also jedes bereits bestehende System der Bank kann unsere Module aufrufen, rechnen lassen und die Ergebnisse verarbeiten.

An welche Zielgruppen richtet sich Ihr Angebot, beziehungsweise an wen richtet es sich nicht?

Grohs: Wir sind derzeit in Umsetzung mit mehreren Versicherungen und mehreren Banken, vor allem in der höherwertigen Veranlagung – also Private Banking und Wealth Management, aber auch im Bereich der fondsgebundenen Lebensversicherung. Die meisten Häuser haben schon eigene Lösungen für die Nachhaltigkeitsverordnung, setzen PIA aber zusätzlich ein, um die Beratung komfortabler zu gestalten. Wir gehen davon aus, dass wir insbesondere auch nach dem 2. August noch einige neue Projekte starten werden, um die Lösungen der Banken und Versicherungen nicht nur rechtssicher, sondern auch für Kunden und Berater praxistauglicher zu machen.

Sie sind bisher nur in Österreich aktiv, werden Sie Ihr Programm auch in Deutschland anbieten?

Grohs: Ja, wir führen derzeit erste Gespräche.

Was kostet PIA?

Grohs: Der Preis ist abhängig vom Leistungsumfang und der Anzahl der Berater, also der Größe der Bank, und liegt zwischen 30.000 und 100.000 Euro einmalig sowie 80 bis 250 Euro pro Berater im Monat. Hinzu kommen aufwandsabhängige Projektkosten, falls Schnittstellen benötigt werden – was praktisch immer der Fall ist. Wer aber nur die ESG-Module benötigt, kann mit wesentlich geringeren Kosten rechnen.

Wir danken für das Gespräch. (gf)