Die Bundesbürger leben im Durchschnitt zwar nicht in einem Zustand von finanziellem Chaos, die wenigsten sind in Sachen Finanzen jedoch krisensicher und nachhaltig aufgestellt. Dabei ist finanzielle Unabhängigkeit für knapp 60 Prozent der Deutschen ein elementarer Aspekt von Freiheit. Zu diesen Ergebnissen kommt der zweite Financial Freedom Report, den das Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag der Lebensversicherung von 1871 (LV 1871) erstellt hat. Für die repräsentative Online-Erhebung befragte Civey im August dieses Jahres 2.500 Männer und Frauen in Deutschland, die mindestens 18 Jahre alt waren.

Danach gefragt, was der Begriff Freiheit für sie bedeutet, nannten fast 84 Prozent der Studienteilnehmer die Möglichkeit, ihre Meinung frei äußern zu können. Bereits an zweiter Stelle folgt mit 59,8 Prozent die finanzielle Unabhängigkeit. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen gaben sogar 76 Prozent an, Freiheit bedeute für sie, finanziell ungebunden zu sein.

Ein Begriff, viele Auslegungen
Allerdings verstehen die Befragten unter finanzieller Unabhängigkeit durchaus unterschiedliche Dinge: Für 63 Prozent, und damit für die meisten, bedeutet der Begriff, in allen Lebenslagen frei von finanziellen Überlegungen agieren zu können. Knapp elf Prozent verbinden mit finanzieller Freiheit ausreichend Geld, um sich Träume erfüllen zu können. Nur für neun Prozent heißt finanziell unabhängig zu sein, nicht mehr arbeiten zu müssen, für fünf Prozent, nicht auf ein festes Gehalt angewiesen zu sein. 

Die Inflation und die aktuelle Wirtschaftslage wirken sich bereits spürbar auf die Gefühle der Befragten beim Blick auf ihre privaten Finanzen aus. So kommen die Sorgen um Preissteigerungen und die wirtschaftliche Situation (70,7 Prozent) sogar noch vor der Angst vor Kriegen (62,8 Prozent) und dem Klimawandel (43,2 Prozent). Fast 24 Prozent der Befragten sind aufgrund dieser Themen beunruhigt, bei 20 Prozent lösen die Entwicklungen sogar echte Zukunftsängste aus. 

Mit 60 in Rente
Dennoch möchte der Großteil der Bundesbürger (67,9 Prozent) maximal bis zum 60. Lebensjahr arbeiten. Dabei verlässt sich die Mehrheit bei der Altersvorsorge auf ihr Gehalt und die staatliche Rente: 45,3 Prozent der Befragten beziehen ihr Einkommen aus einem Angestelltenverhältnis. Nur 16,2 Prozent nennen auch Geldanlagen und Kredite als Einnahmequelle. Auf Immobilien setzen 12,5 Prozent. 

Angesichts der veränderten Wirtschaftslage gibt immerhin jeder Vierte (26,5 Prozent) an, seine Finanzen im Vergleich zum Vorjahr bewusster zu planen. Im Vordergrund stehen allerdings kurzfristige Sparmaßnahmen im Alltag wie die Einsparung von Energie (34,5 Prozent). Mehr in Fonds und Aktien investieren hingegen nur 7,6 Prozent – allein die 18- bis 29-Jährigen zeigen sich in diesem Punkt aufgeschlossener (17,8 Prozent). 

Zunehmende Unsicherheit
Die Stimmung der Deutschen ist im Hinblick auf ihre Finanzen im Jahr 2022 von zunehmender Unsicherheit geprägt. Dies schlägt sich auch im Financial Freedom Index nieder, den die Experten der LV 1871 zum ersten Mal berechnet haben. Der Index wurde auf Basis der Studienergebnisse erstellt und liegt bei 40,6 Prozent. Damit findet sich der Durchschnitt der Befragten nach Definition der LV 1871 in einem Zustand der "finanziellen Normalität" wieder, schreiben die Autoren der Analyse. Dies sei die zweite von vier Stufen auf dem Weg zu finanzieller Freiheit. 

"Finanzielle Normalität bedeutet, dass Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem eigenen Einkommen bestreiten können und Struktur in ihre Finanzen gebracht haben", heißt es in der Studie. Dieser Zustand sei allerdings immer noch mit Gefahren verbunden, vor allem, wenn die Einkommensquelle versiegt. Um wirkliche finanzielle Stabilität und Sicherheit zu erreichen, müssten die Bundesbürger mehr tun. "Unabhängige Beraterinnen und Berater, die Finanzplanung ganzheitlich denken, können hier ansetzen und individuelle Lösungen anbieten", schreiben die Experten der LV 1871. (am)