Die Zahlungsdiensterichtlinie PSD II (Payment Services Directive), die die Nationalstaaten gesetzlich bis 18. Jänner 2018 umsetzen mussten und die Banken in Phasen 2019 endgültig zu bewältigen haben, hat es in sich. Die Banken verlieren das Privileg, allein auf die Girokonten zuzugreifen. Wenn der Kunde es erlaubt, darf ein Drittanbieter Zahlungen auslösen oder Einblick erhalten, um die Daten zu analysieren und daraus maßgeschneiderte Angebote zu erstellen.

Das Ergebnis heißt "Open Banking" und ist eine Bedrohung für traditionelle Finanzinstitute. Man denke an eine Hausbank, die über viele Jahre mühsam Kunden gewonnen hat: Sie wird zum reinen Kontenverwalter degradiert, wenn die Kunden den Zahlungsverkehr, die Vermögensverwaltung oder die Kreditprüfung lieber über Fintechs oder andere Drittanbieter abwickeln, die dann bequem an das eigene Konto andocken können. PSD II ist aber auch eine Chance für die Banken, sagen Daniela Chikova und Achim Kaucic, Experten von A.T. Kearney, in einem Interview mit FONDS professionell, das in der aktuellen Heftausgabe erschienen ist.

Die Institute müssten ihren Schatz – die Kenntnis über die Zahlungsströme auf den Konten – nutzen, sie könnten Fintechs ins Boot holen oder selbst Angebote schaffen, die einen Nutzen für den Lebensstil der Kunden versprechen. Von der Strompreisoptimierung bis zu Alarmservices bei Kreditkartenmissbrauch ist vieles denkbar. Die Schwierigkeit sei es, Services zu finden, die tatsächlich dem Bedürfnis der Kunden entsprechen, denn die österreichischen User geben ihre Daten im internationalen Vergleich nur ungern her. 

Datenweitergabe, wenn es um Sicherheit geht
Nicht zuletzt werde die Richtlinie auch für Vermögensberater, Versicherungen oder Vermittler eine Rolle spielen, sagen die beiden Experten. "Was die Vermögensberatung betrifft, hat unsere Studie einen interessanten Punkt gezeigt: Kunden in höheren Einkommensgruppen würden Daten an Dritte eher weitergeben, unter zwei Voraussetzungen: mit Abstand am ehesten, wenn es der Betrugsvermeidung dient (...). Und der zweite Aspekt waren Kreditentscheidungen: Wenn man den Kunden schneller eine Rückmeldung gibt, ob sie überhaupt und zu welchen Konditionen einen Kredit bekommen, dann geben sie Daten weiter. Vermögende Kunden nehmen überdurchschnittlich viele Hypothekenkredite auf", so Chikova.

"Ich war gerade in den USA, und als ich dort zum ersten Mal die Karte zum Zahlen benutzt habe, habe ich eine E-Mail bekommen: 'Diese Transaktion ist zu uns gelangt, wenn das eine betrügerische Aktion war, dann können Sie sich an diese Telefonnummer wenden. – Ansonsten shoppen Sie weiter'. Das hat mich beruhigt, dass sich jemand kümmert", sagt die Expertin.

Versicherungen anbieten
Open Banking könne nicht nur solche Kontrollbedürfnisse gut bedienen, sagt Kollege Kaucic. "Das andere ist, dass man Produkte ganz anders verkaufen kann. Zum Beispiel könnte man ­jemandem eine Versicherung anbieten, weil man sieht, er hat sich ein Ticket für den Skilift gekauft".

Es ließen sich komplett neue Dienstleistungen entwickeln, spannend werde, wie man diese monetarisieren kann. "Gerade im Retailsegment gibt es oft recht wenige Unterschiede bei den Produkten. Open Banking ist eine einzigartige Chance für die Banken, sich zu differenzieren und neue Geschäftsmodelle zu bauen, die sich von der klassischen Produktwelt abheben, die mehr in Richtung Dienstleistungen und Lösungen ­gehen, wo die Kunden tatsächlich einen Mehrwert sehen. Derzeit sehen die Kunden nur das Preisschild. Man muss in einer Indus­trie, wo man keine physischen Assets hat, sondern IT und Menschen, mehr in Dienst­leis­tungen und Lösungen denken", so Kaucic.

Anwendungsfall in der Kreditvergabe
Im Kreditgeschäft gebe es bereits Anwendungsfälle, wie die Kontenaggregation, die durch PSD II erleichtert wird, genutzt werden kann. "In Deutschland gibt es ein Beispiel, da gehen Sie in die Bankfiliale und geben Ihre Kontonummer und Log-in-Daten ein. Dann werden Ihre zwei, drei Konten, die Sie vielleicht haben, aggregiert. Es kommt zu einer automatischen Auswertung, eine Haushaltsrechnung wird erstellt, ein Credit Scoring hängt noch dran. Der Berater sieht gleich, wie viel er dem Kunden geben kann, und er kann sich dann darauf konzentrieren, ein echtes Beratungsgespräch zu führen. (...) PSD II kann durch Möglichkeiten wie die Kontenzusammenführung den Beratungsprozess erleichtern. Das ist auch eine Chance, Leute mit einem geringeren verfügbaren Betrag besser zu betreuen", so Kaucic.


Das gesamte Interview mit Daniela Chikova und Achim Kaucic, die sich auch im Rahmen einer ausgedehnten Studie mit der PSD II-Richtlinie befasst haben, lesen Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2018. Abonnenten erhalten sie dieser Tage zugestellt.