Unter der Moderation von Freibanker Wolfgang Wainig diskutierten Harald Mahrer, Präsident von Nationalbank und Wirtschaftskammer Österreich, Willibald Cernko, Ex-Bank Austria-Chef und aktueller Risikovorstand der Erste Group, die prominente Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Hanna Simons, die stellvertretende Geschäftsführerin des WWF Österreich, sowie der Nachhaltigkeitsexperte und Publizist Fred Luks von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß
Kromp-Kolb, eine der führenden Nachhaltigkeitsforscherinnen des Landes, wies auf den Ernst der Lage hin. Die Grenzen des Wachstums seien erreicht, unser ökologischer Fußabdruck viel zu groß. Außerdem habe die Welt bekanntlich auch große soziale Probleme. Vor diesem Hintergrund betonte sie die Verantwortung des Finanzsektors und machte unmissverständlich deutlich, dass aus ihrer Sicht Nachhaltigkeit kein Luxusthema ist, sondern ins Kerngeschäft gehört. Es passiere noch nicht genug.

Kompass des "right thing to do" verloren?
Dem konnte sich Cernko nicht anschließen, der auf bestehende Fortschritte verwies. Er sei stolz auf den ökologisch gebauten Erste-Campus, betonte er. Er wies aber auch darauf hin, dass Nachhaltigkeit bei wirtschaftlichen Entscheidungen eine immer größere Rolle spiele. Die Frage, ob ein Geschäftsabschluss "the right thing to do" sei, betreffe auch die Nachhaltigkeit. Er warf die Frage auf, ob der Finanzsektor womöglich den Kompass des "right thing to do" verloren habe. Freiheit, Verantwortung und Vertrauen seien unerlässliche Grundlagen des guten Wirtschaftens.

Banken müssen in die Offensive
Luks beklagte die große Lücke, die nach wie vor zwischen ökologischen Analysen und der wirtschaftlichen Realität bestehe. Wichtige Spannungsfelder – Senkung der Kohlendioxid-Emissionen bei gleichzeitigem Festhalten am Wachstumsziel und die ökologische Dimension der Digitalisierung – würden in der gesellschaftlichen Debatte verkannt. Luks betonte, dass die Banken bei diesem Themenfeld in die Offensive kommen müssten. Ohne Banken gebe es keine sozial-ökologische Transformation.

Wenige gute Regeln besser als viele schlechte
Mahrer wies darauf hin, dass es nicht auf die Anzahl, sondern die Qualität von Regeln ankomme. Wenige gute Regeln seien gewiss besser als viele schlechte. Er strich die Bedeutung des Modells einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft heraus und verwies auch auf die großen ordnungspolitischen Unterschiede zwischen der EU und Ländern wie China und Indien.

Simons betonte die Rolle von Transparenz, die – ähnlich wie bei Lebensmitteln – auch für Finanzprodukte gelten müsse. Aussagekräftige und verlässliche Informationen würden das Verhalten der Kundinnen und Kunden beeinflussen. Über die Notwendigkeit nachhaltiger Finanzprodukte bestand Einigkeit.

Gegen Ende der Diskussion, an dem sich auch das Publikum beteiligte, verwies Mahrer auf das Kant'sche Motto der Aufklärung: Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Dieses Motto passte gewiss sehr gut zu diesem interessanten Abend. Die Herausforderung, die Nachhaltigkeit ernst zu nehmen und das beim wirtschaftlichen Agieren angemessen zu berücksichtigen, erfordert viel Umsicht, Klugheit und Selbstreflexion. Die Diskussion machte deutlich, dass in diesem Sinne schon viel passiert ist – aber auch, dass noch sehr viel zu tun ist. (mb)