Die in Graz angesiedelte Wirecard Central Eastern Europe GmbH, die heuer nach ihrer in einen Bilanzskandal verstrickten deutschen Mutter Wirecard in die Insolvenz ging, steht vor dem Verkauf. Auf dem Tisch von Insolvenzverwalterin Ulla Reisch liegen laut einem Bericht vier Angebote für die Wirecard CEE. Der APA sagte Reisch: "Der Verkaufsprozess wird sich aufgrund der vorliegenden Anbote noch in diese Woche ziehen".

Demnach verbleiben 22 Mitarbeiter in der Gesellschaft, die vom Käufer übernommen werden sollen. Der wesentliche Wert der Österreich-Tochter von Wirecard liegt in der Payment-Plattform, über die Kundenzahlungen abgewickelt werden.

Ministerien müssen überlegen
Wie gut diese Plattform am Markt verankert ist, zeigt ein aktueller Bericht des Nachrichtenmagazins "Profil": Demnach müssen mehrere Ministerien überlegen, ob sie Alternativen suchen, oder dabei bleiben, wenn es einen neuen Eigentümer gibt.

Im Innenministerium läuft laut dem Bericht der Zahlungsdienst für die Bürgerkarte über Wirecard CEE. Und wer in das beim Finanzministerium (BMF) angesiedelte Register der wirtschaftlichen Eigentümer heimischer Unternehmen einsehen will, bezahlt das Nutzungsentgelt ebenfalls über das Wirecard-Zahlungssystem. Vorerst ändert sich das nicht, es existieren aber Notfallpläne. Das BMF sieht für einen kurzfristigen Ausfall unter anderem eine Bezahlung mit Bestellcode vor. Abseits davon werden am Markt bereits andere Anbieter bezüglich einer langfristigen Lösung sondiert.

Viel Arbeit für Gerichte
In der Zwischenzeit loten geschädigte Anleger des Mutterkonzerns Wirecard ihre Entschädigungsmöglichkeiten weiter aus. Der "Standard" berichtet, dass das Handelsgericht Wien vergangene Woche eine Klage gegen den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Klestil abgewiesen hat. Anwalt Eric Breiteneder hatte im Namen von Anlegern Klage eingebracht, mit der Begründung, der Aufsichtsrat trage als Kontrollgremium Mitverantwortung am Bilanz-Desaster. Das Gericht sah sich jedoch dafür nicht zuständig. Klestil war laut "Standard" seit 2009 Aufsichtsratsmitglied und seit 2019 Vizevorsitzender. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der Wirecard-Bank.

Klestil ist der Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil und genau so wie die beiden Wirecard-Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek Österreicher. Er ist Partner beim größten österreichischen Start-up-Finanzierer Speedinvest und gilt als sehr gut vernetzt in der Branche. Laut "Standard" sieht er sich selbst durch seine längjährigen Vertrauten geschädigt: Markus Braun sitzt derzeit in U-Haft. Jan Marsalek ist auf der Flucht. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt in dem Skandal unter anderem wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs und Marktmanipulation. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung. (eml)