Wer derzeit denkt, dass der Kurssturz der Wirecard-Aktie eine günstige Einstiegsgelegenheit darstellt, könnte eines Besseren belehrt werden. An sich drängt sich die Idee auf: Wirecard ist eine der größten Erfolgsgeschichten des deutschen Aktienmarkts der letzten zwei Jahrzehnte. Das Unternehmen war bis zuletzt international erfolgreich tätig, und daran sollte der Bilanzskandal eigentlich nichts ändern. Wer mutig ist, bekommt die Aktie heute fast 90 Prozent unter ihrem historischen Höchstkurs.

Diese Wette kann aber nur aufgehen, wenn sich an der Geschäftsentwicklung des IT-Unternehmens nichts ändert. Und genau das ist nun unter Umständen in Frage gestellt. 100-prozentige Zuverlässigkeit zählt im Zahlungsverkehr zu den zentralen Anforderungen, ein Bilanzskandal ist hier nicht eben hilfreich. Wie der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet, prüfen mittlerweile etliche Kunden – vom französischen Telekomanbeiter Orange über die Fluggesellschaft Air France-KLM bis zur britischen Onlinebank Revolut – die Möglichkeit, auf andere Anbieter umzusteigen.

Wirecard arbeitet nach Eigenangabe in 26 Staaten mit mehr als 300.000 Firmen zusammen, man muss davon ausgehen, dass viele davon ihre Geschäftsbeziehung zu den Bayern derzeit überdenken. Wirklich existenzbedrohend wäre aber der Verlust von Lizenzen führender Kreditkartengesellschaften wie Visa, Mastercard oder JCB International. Bloomberg zitiert den Mirabaud-Analysten Neil Campling: "Ohne sie [die Kreditkartengesellschaften] haben sie kein Geschäft mehr." Bisher, so der Nachrichtendienst, wollen sich die Kreditkartenfirmen nicht zu dem Fall äußern. (gf)