Nach dem Bilanzskandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard nimmt die europäische Finanzaufsicht ESMA nun die deutschen Aufsichtsbehörden ins Visier. Die Behörde kündigte an, die Rolle der Finanzaufsicht Bafin und der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) bei der Wirecard-Pleite zu untersuchen. Bis zum 30. Oktober 2020 wollen die europäischen Aufseher ein Gutachten erstellen, berichtet das "Handelsblatt".

Darin soll die Frage geklärt werden, welche aufsichtlichen Maßnahmen Bafin und DPR vor Bekanntwerden des Bilanzskandals mit Blick auf die Finanzberichterstattung ergriffen haben. "Eine hohe Qualität in der Finanzberichterstattung ist entscheidend, damit Investoren Vertrauen in die Kapitalmärkte haben", erklärte die ESMA dem "Handelsblatt" zufolge. Der Kollaps von Wirecard habe dieses Vertrauen geschwächt. Deshalb sei es notwendig, die Vorgänge auszuwerten, um zu helfen, das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen.

Doppeltes Tempo
Kritiker werfen der deutschen Finanzaufsicht vor, im Fall Wirecard zu zögerlich gehandelt zu haben. Ihre Versäumnisse will die Aufsicht nun offenbar mit doppeltem Tempo reinholen. Derzeit prüft die Behörde die Aktiengeschäfte aller Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der Wirecard AG, die seit Anfang 2020 im Konzern tätig waren oder dies noch sind, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).

Gegen den Ex-Vorstand Markus Braun und seine Beteiligungsgesellschaft haben die Aufseher bereits Anzeige erstattet. Dieser streitet die Vorwürfe aber offenbar ab: "Wir weisen diesen Verdacht, zu dem Herr Braun von der Bafin vorher nicht einmal angehört worden ist, als völlig haltlos zurück", sagte Brauns Anwalt Alfred Dierlamm der SZ. "Zu den Einzelheiten werden wir uns ausschließlich gegenüber der Staatsanwaltschaft München I äußern." (fp)