Marc Profitlich hat direkt nach dem Studienabschluss mit seinem Geschäftspartner Nicolas Schmidlin die Investmentboutique Profitlich Schmidlin AG mit Sitz in Köln gegründet. Im Januar 2014 legten die beiden den ProfitlichSchmidlinFonds auf. Mit sieben Millionen Euro ging der flexible Mischfonds an den Start, heute beläuft sich das verwaltete Vermögen auf rund 325 Millionen Euro. Bei einem Spaziergang mit FONDS professionell in der Kölner Südstadt erzählt Profitlich, wie es zur Firmengründung kam, welche neuen Chancen sich aus der Coronakrise ergeben, und warum er zwar Wert auf Nachhaltigkeit legt – aber nicht auf ESG-Ratings.


Herr Profitlich, Sie waren noch nicht einmal Mitte 20, als Sie 2013 gemeinsam mit Nicolas Schmidlin Unternehmer wurden und Ihren eigenen Fonds auflegten. Wann haben Sie begonnen, sich mit dem Thema Wertpapieranalyse zu beschäftigen?

Marc Profitlich: Mein Vater hat sich für die Aktienmärkte interessiert, deswegen lief bei uns zu Hause schon zum Frühstück die "Telebörse". So habe ich früh Geschmack an Investmentthemen gefunden, mich schon als Jugendlicher mit Wertpapieranalyse beschäftigt und begonnen, selbst Geld anzulegen. Zu dieser Zeit habe ich mich auch in Internetforen mit anderen Investoren ausgetauscht. Als ich 17 war, habe ich dort Nicolas kennengelernt, der nur ein halbes Jahr älter ist als ich.

Sie haben während des Studiums gemeinsam einen Investmentclub gegründet, richtig?

Profitlich: Den haben wir gleich im ersten Semester gegründet. In dem Investmentclub steckte anfangs hauptsächlich unser eigenes Geld und das von Verwandten. Während Praktika und Nebenjobs fanden wir Förderer sowie Investoren, so begann sich auch unser Netzwerk langsam zu entwickeln. Mit den hinzugewonnenen Investoren verfügte die Partnerschaft, wie wir es genannt haben, schnell über einige hunderttausend Euro. Über knapp fünf Jahre hinweg konnten wir eine jährliche Performance von etwa 20 Prozent erzielen. Im Jahr 2013 wurde dann die Profitlich Schmidlin AG gegründet. 

Heute ruht in dem 2014 aufgelegten ProfitlichSchmidlinFonds ein Vermögen von rund 325 Millionen Euro. Können Sie bitte Ihre Investmentstrategie beschreiben?

Profitlich: Unser Fonds unterscheidet sich recht stark von anderen Mischfonds. Die werttreibende Säule bilden langfristige Unternehmensbeteiligungen, nach denen wir vor allem in Nordamerika und Europa suchen. Für die wertstabilisierende Säule setzen wir auf Sondersituationen bei Aktien und Anleihen. Bei Aktien-Sondersituationen investieren wir vor allem in Opportunitäten, bei denen unser Verlustpotenzial aufgrund bestimmter rechtlicher Mechanismen abgesichert ist. Solche Sondersituationen bieten sich beispielsweise bei Aktien von Firmen, die einem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag unterliegen. Für die Aktionäre ist ein solcher Vertrag für eine gewisse Zeit mit einem Abfindungsangebot verbunden. Das kann ich jederzeit annehmen, das begrenzt mein Verlustpotenzial, es macht die Aktie anleiheähnlich. Das Besondere ist also, dass wir eine Lösung für die Anleihekomponente des Mischfonds haben. Wir sind in der Lage, auch mit der risikoarmen, stabilisierenden Säule des Fonds trotz Nullzinsumfeld Geld zu verdienen. 

Und was ist unter Sondersituationen bei Anleihen zu verstehen?

Profitlich: Anleihen-Sondersituationen ergeben sich aus den Prospekten, also dem vertraglichen Rahmenwerk der Papiere. Das ist etwa im Fall von Übernahmen möglich. Angenommen, ein Kabelnetzbetreiber kauft einen Wettbewerber. Der Konkurrent hat mit seinem Kabelnetz besicherte Anleihen ausstehen. Die Übernahme möchte der Käufer mit neuen Schulden finanzieren, die allerdings ebenfalls besichert sein sollen. Dann muss die erste Besicherung erstmal abgelöst werden, um die Sicherheiten für die neue Finanzierung zur Verfügung zu haben. In solchen Situationen zahlen Firmen ihren Investoren in der Regel eine Art Vorfälligkeitsentschädigung. Und genau darauf sind wir aus – auf einen unkorrelierten und positiven Ertrag, der nicht so sehr von der Entwicklung der Märkte, sondern einer Sondersituation abhängig ist. 

Das klingt nach viel Schreibtischarbeit.

Profitlich: Wir arbeiten keineswegs nur vom Schreibtisch aus. Wir investieren wie gesagt auch in langfristige Unternehmensbeteiligungen. Vor der Corona-Pandemie sind wir allein sechs bis sieben Mal pro Jahr in die USA geflogen und waren viel in Europa unterwegs. Vor Ort lernen wir die Unternehmen kennen, führen persönliche Gespräche mit dem Management, mit Kunden und Wettbewerbern. Nur so können wir uns ein Bild von den oft besonders wichtigen qualitativen Faktoren machen. 

Investieren Sie bevorzugt in bestimmte Branchen oder Geschäftsmodelle?

Profitlich: Nein, wir möchten uns nicht zu sehr von einzelnen Sektoren abhängig machen. Was die Unternehmen im Fonds aber verbindet, ist eine starke Eigentümerstruktur, im Idealfall ist das Management selbst beteiligt. Zudem werden die Beteiligungen häufig sehr unternehmerisch und dezentral geführt. Gerade nach solchen qualitativen Merkmalen suchen wir. Denn in diesen Eigenschaften liegt der Schlüssel dafür, schnell auf Kundenbedürfnisse und Veränderungen im Markt wie etwa während einer Pandemie reagieren zu können, so Marktanteile zu gewinnen und gestärkt aus Krisen hervorzugehen. 

Erkennen Sie neue Investmentchancen, die sich durch die Coronakrise eröffnet haben?

Profitlich: Ich denke, dass die Veränderungen, die durch die Pandemie induziert sind, in einigen Bereichen nach wie vor unterschätzt werden oder noch gar nicht richtig erkannt worden sind. Die Digitalisierung hat sich nachhaltig beschleunigt und viele Veränderungen sind unumkehrbar. Tendenziell spielt dies großen, innovativen Unternehmen in die Karten, während kleinere, vielleicht auch finanziell schwächer aufgestellte Unternehmen die nötigen Investitionen in Digitalisierung verschlafen haben oder aufgrund ihrer geringen Große nicht in vergleichbarem Maße stemmen konnten. 

Sie sprechen von Profiteuren wie Amazon?

Profitlich: An solche Unternehmen denkt man immer gleich. Tatsächlich ist es aber so, dass es in verschiedensten Industrien innovative Champions gibt, die sich zu digitalen Vorreitern gemausert haben. Diese Unternehmen gewinnen nun zunehmend Marktanteile von den kleineren und trägeren Wettbewerbern. Denn Größe ist für die Reichweite und für Faktoren wie die Verfügbarkeit von Produkten in einer digitalen Welt viel entscheidender als in der analogen.

Nachhaltigkeit hat für Fondsanbieter eine enorme Bedeutung bekommen. Welche Rolle spielen ESG-Kriterien in Ihrem Investmentprozess?

Profitlich: Wir verlassen uns nicht auf Ratings. Das gilt sowohl bei Kreditratings als auch bei ESG-Ratings. Das "Produkt Nachhaltigkeitsrating" ist aus unserer Sicht noch nicht sehr ausgereift. Zu den Defiziten gehört, dass die Ratings oft sehr intransparent, auch subjektiv und dadurch inkonsistent sind. Solange es keine einheitlichen Standards gibt, welche auch wir unterstützen, machen wir unsere Arbeit selbst. Dazu sind wir in der Lage, denn wir treffen Unternehmen und deren Management ja vor Ort. Wir achten schon immer sehr auf Governance-Faktoren. Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle.

Zum Beispiel?

Profitlich: Wir suchen gezielt Firmen, in denen sich die Mitarbeiter wohl fühlen und wo sie am liebsten über Jahrzehnte beschäftigt sind. Im Duden ist für den Begriff "nachhaltig" übrigens folgende Definition zu finden: "sich auf längere Zeit stark auswirkend". Als langfristiger Investor kann ich zum Beispiel Umweltfaktoren, die sich ohne Zweifel langfristig besonders bemerkbar machen, nicht außer Acht lassen. Diese Faktoren müssen daher im Analyseprozess Berücksichtigung finden, das geht gar nicht anders.    

Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Ein Portrait von Marc Profitlich finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 2/2021 von FONDS professionell ab Seite 112. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.