Tokenisierte Fonds und Kryptohaftungsdach – der stille Umbruch
Global, aber auch in Österreich durchdringen Blockchain und Tokenisierung das Finanzwesen. Es etablieren sich Geschäftsmodelle von der Kryptosteuerberatung bis zum Haftungsdach für digitale Assets.
Lange waren Blockchain und Decentralized Finance (DeFi) im Finanzwesen ein Zukunftsversprechen. Jetzt entstehen in rasantem Tempo Geschäftsmodelle, die der "alten" Industrie die Zukunft weisen.
Wie weit der Wandel bereits reicht, wurde der Weltöffentlichkeit zuletzt durch den Krieg im Mittleren Osten vor Augen geführt: Der Iran wollte die Strafgebühren für Öllieferungen durch die Straße von Hormus nicht in US-Dollar kassieren, sondern in Yuan – oder Bitcoin und Stablecoins. Auch Saudi-Arabien akzeptiert seit rund zwei Jahren digitale Währungen für Ölgeschäfte. Der BRICS-Verbund aus Staaten von Brasilien über Indien bis China arbeitet schon lang an einer Blockchain-Zahlungslösung, in der weder der Dollar noch das globale Swift-System eine Rolle spielen. Über Stablecoins – an reale Währungen gekoppelte programmierbare Blockchain-Zahlungsmittel – wurden 2025 laut Leibniz Institute Transaktionen in Höhe von über 30 Billionen US-Dollar abgewickelt. Das ist deutlich mehr als bei Visa und Mastercard mit 15 und 7,8 Billionen Dollar.
"Umsatz verdreifacht"
Auch im deutschsprachigen Raum gelingt es Anbietern aus der Digital-Asset-Industrie nach vielen experimentellen Jahren zunehmend, eine tragfähige Brücke zwischen klassischem und digitalem Finanzsystem zu bauen. "Unser Umsatz hat sich vergangenes Jahr verdreifacht", erläutert Alexander Rapatz, Geschäftsführer und Mitgründer von Black Manta Capital, in einem Artikel, der in voller Länge in der aktuellen Heftausgabe von FONDS professionell erschienen ist.
Das 2018 gegründete Investmentbanking-Unternehmen mit Sitz in Luxemburg ist stark in Deutschland und Österreich verankert und hat Niederlassungen in den USA und China. Black Manta tokenisiert weltweit Fonds und Immobilien, begleitet tokenisierte Börsengänge, bietet Crowdfunding, Verbriefungen und Corporate-Finance-Beratung an. Als reines Blockchain-Unternehmen versteht sich die Gesellschaft nicht. Sie offeriert klassische Kapitalmarktleistungen – ergänzt um Tokenisierung, wenn sie den Kunden Vorteile bringt.
Haftungsdach
"Wir haben vor knapp acht Jahren mit Tokenization-as-a-Service begonnen, haben aber relativ rasch gemerkt, dass der Markt noch nicht so weit ist, und haben uns daher breit aufgestellt", berichtet Rapatz über die Anfänge. Nun frage der Markt solche Services gezielt nach. Dass das Geschäft derzeit boomt, liegt an einem noch jungen Segment: "Seit etwa eineinhalb Jahren entwickelt sich das Haftungsdachgeschäft zu unserem stärksten Umsatztreiber", so Rapatz. Unter der Konzession von Black Manta können vertraglich gebundene Vermittler europaweit digitale Assets vertreiben, die als Finanzinstrumente gelten; das heißt, sie werden regulatorisch wie Aktien, Anleihen oder Fonds behandelt. Dazu zählen Security Token, die Eigentum an realen Vermögenswerten wie Immobilien, Staatsanleihen oder Unternehmen digital abbilden.
Derzeit nutzen das Haftungsdach vor allem größere Plattformen: Kryptobörsen, Finanzunternehmen aus Drittstaaten ohne Mifid-II-Lizenz oder Token-Emittenten. Individuelle Vermögensberater seien bisher – bis auf eine Ausnahme – noch keine Kunden. "Wir schließen das nicht aus, wenn der Geschäftsfall passt. Wir haben aber noch keine Werbung in diese Richtung gemacht", sagt Rapatz.
Krypto-Steuerberatung
Der Professionalisierungsgrad der hiesigen Kryptobranche zeigt sich auch an den Anträgen für eine Lizenz als Crypto Asset Service Provider (CASP) bei der FMA. Bisher gibt es europaweit nur rund 200 dieser Genehmigungen, die seit Kurzem nötig sind, wenn man Kryptowerte wie Bitcoin (im Unterschied zu Finanzinstrumenten wie Stablecoins) beraten oder vertreiben will. Im April erhielt die Wiener Validvent Technology GmbH von der Finanzmarktaufsicht FMA die CASP-Erlaubnis.
Im Kern ist Validvent eine Steuerberatung mit Schwerpunkt auf Kryptoprodukte, ergänzt um mehrere Services: etwa eine Treuhandlösung, bei der Kryptowerte zur Begleichung von Steuerzahlungen eingesetzt werden können, oder ein Crypto Asset Advisory. Zum einen werden gemeinsame Anlagestrategien erarbeitet. Zum anderen hat sich das Team auf Dienstleisteranalysen spezialisiert. "Wir können den Kunden sagen, diese Plattform, Wallet oder Depotstelle ist momentan für dich die mit den besten Konditionen. Dieses Feld ist unübersichtlich", sagt Co-Gründer und Geschäftsführer Georg Brameshuber. Portfoliomanagement bietet Validvent momentan nicht an, liefert aber Unterstützung bei wichtigen Schritten wie Dokumentation oder Herkunftsnachweisen. Zum Leistungsspektrum gehören zudem Investments in tokenisierte Kunstwerke.
Anstieg der Beratungsanfragen in Krisenzeiten
Krypto-Assets hätten in Krisenzeiten ihre Tauglichkeit als grenzüberschreitendes Transfermittel unter Beweis gestellt. Den Ausbruch des Ukraine-Krieges habe er durch einen Anfrageanstieg in der Steuerberatung "extrem" gespürt, erzählt Brameshuber. Die Transparenz bei Krypto-Asset-Transaktionen sei heute hoch: "Wir verwenden Softwaretools, die ja auch Steuertools sind, wo jeder Wechsel minutiös dargestellt wird", so Brameshuber.
Auch andere österreichische Unternehmen haben in der Kryptowelt Standards gesetzt. Um aus der Bandbreite eines herauszugreifen: Der Wiener Benjamin Levit ist Mitgründer der – nach Eigenangaben – ersten Ratingagentur für Stablecoins. Gestartet vor zwei Jahren in den USA unter dem Namen Bluechip, ist der Hauptsitz mittlerweile Wien. Unter anderem arbeitet Bluechip mit der Raiffeisen Bank International (RBI) zusammen.
Franklin Templeton
Blockchain-Technologien durchdringen auch das klassische Fondsgeschäft. Besonders sichtbar wird das bei Franklin Templeton. Die amerikanische Traditionsgesellschaft, die in den vergangenen Jahren damit beschäftigt schien, Staub von gestern wegzuwedeln, ist kaum wiederzuerkennen. An allen Ecken demonstriert der Konzern Aufbruch. Neben ETFs und Private Assets rücken digitale Assets als drittes großes Thema in die Auslage. Franklin Templeton gehörte zu den Ersten, die Geld über ein tokenisiertes Fondsprodukt einsammelten: 2021 wurde in den USA der Franklin OnChain U.S. Government Money Fund aufgelegt (Ticker FOBXX, Markenname "Benji"). Laut Unternehmensangaben war es der erste in den USA registrierte Geldmarktfonds, der eine öffentliche Blockchain als Register für Transaktionen und Anteilseigentum nutzt.
"Benji war ein erster Use Case, der zeigt, was heute möglich ist. Sie können zum Beispiel Geld für eine Minute, vier Stunden oder, wenn Sie wollen, nur für 30 Sekunden anlegen. Der Ertrag wird für die tatsächliche Haltedauer berechnet", sagt Christian Machts, verantwortlich für Deutschland und Österreich. In den USA können Privatanleger bereits eine Benji-App nutzen, institutionelle Investoren haben Webzugänge oder direkt angebundene Systeme. Ob und wann Privatanleger in Europa Zugang erhalten, war vorerst nicht in Erfahrung zu bringen.
Drei Jahre bis zur automatisierten Privatvermögensstrukturierung
Für Machts sind die Effizienzsteigerungen durch den aktuellen Boom bei ETFs und aktiven ETFs erst der Anfang. Schon bald könnten individuell programmierbare Vermögensstrukturen zum Standard werden. "Sie können Ihr privates Vermögen auf einer Blockchain liegen haben, wo es so strukturiert wird, wie Sie es haben wollen. Da reden wir nicht mehr über Fonds, Depots und Konten, sondern über Container auf der Blockchain. Davon ist die Branche vielleicht noch fünf bis sieben Jahre entfernt", so Machts. Und Franklin Templeton? "Als Unternehmen sind wir davon keine drei Jahre mehr entfernt", prognostiziert er.
Tokenisierte Geldmarktfonds sind bei vielen anderen Fonds-Schwergewichten im Einsatz, darunter bei Blackrock (BUIDL), Circle/Hashnote (USYC) und Wisdom Tree (WTGXX). Einst zurückhaltend, legte Ende 2025 auch JP Morgan ein Produkt auf. Die Gesellschaft ist grundsätzlich schon lange "Blockchain-aktiv": Über die Zahlungsplattform Kinexys laufen täglich bereits rund fünf Milliarden US-Dollar. BMW testete unlängst das "Real-Time Treasury" von Kinexys für eine voll automatisierte Devisentransaktion zwischen Frankfurt und New York. (eml)
Den gesamten Artikel finden Sie in der FONDS professionell-Heftausgabe 2/2026 ab Seite 186, nach Anmeldung können Sie den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.




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