Sun Contracting: Das System lebt weiter
Sun Contracting ist zusammengebrochen. Das Modell wird wiederbelebt. Akteure aus dem Umfeld ziehen ein fast identes Nachahmergerüst auf. Erneut wird Anlegergeld eingesammelt, erneut fließen astronomische Summen in Provisionen. Nur, dass diesmal die Ermittler zusehen.
Der mythologischen Hydra wachsen beim Kappen eines Kopfes zwei neue nach. Ein Motiv mit gültiger Wucht bis heute. Während das Photovoltaikunternehmen Sun Contracting im November 2025 unter strafrechtlich zu klärenden Umständen pleiteging und ihre umstrittene Zwillingsgesellschaft Green Finance in Schwierigkeiten steckt, wechseln Finanzvermittler beider Firmen nahtlos in neue Strukturen, die den alten zum Verwechseln ähneln.
Neue Achse: One Partners – Luma – One Asset Capital
Kennern der Sonnenstrombranche stach vor einigen Monaten die Betriebsamkeit bei einer gewissen Luma GmbH aus Haag in Niederösterreich ins Auge. Ende August 2025 benennt sich die Mikrofirma in Luma Solar Invest GmbH um und will nun groß ins Photovoltaik-Contracting einsteigen: PV-Anlagen auf gemieteten Dächern errichten und den erzeugten Strom vermarkten. Wie Sun Contracting. Die Finanzierung holt sich Luma neuerdings bei Anlegern, denen sie Anleihen und Nachrangdarlehen anbietet, die von den Konditionen bis zur Werbeoptik ein starkes Sun-Contracting-Déjà-vu auslösen.
Und Luma ist keine Einzelgängerin. War die insolvente Sun Contracting tief in das Vertriebsnetz der Immobiliengruppe Green Finance eingebunden, dockt Luma an eine neue Vermittlerdrehscheibe namens One Partners GmbH an. Die wiederum kooperiert mit der fast zeitgleich im Herbst gegründeten Immobiliengesellschaft One Asset Capital GmbH. Sämtliche Parallelen könnten Zufall sein. Ein näherer Blick spricht jedoch dagegen.
Fragliche Besitzverhältnisse
One Partners – die zentrale Vertriebsorganisation des neuen Firmentrios – wird vom hochrangigen Green-Finance-Vermittler Thomas H. geführt. Laut Firmenbuch ist er Alleingesellschafter der One Partners. Ermittler fanden hingegen im Register der wirtschaftlichen Eigentümer (WiEReG) über Treuhandverträge einen 80-Prozent-Einfluss zweier maßgeblicher Green-Finance-Manager. Einer von ihnen, Martin H., sitzt in Untersuchungshaft.
Diese undurchsichtige Verflechtung zwischen den alten Problemfirmen und der neu aufkeimenden Struktur war ein wesentlicher Grund für die Festnahme dreier Schlüsselfiguren von Green Finance und Sun Contracting im Dezember. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) befürchtete laut Unterlagen eine Tatbegehungsgefahr im neuen Mantel. Die Ermittler verfolgen einen Verdacht, den auch besorgte Marktbeobachter gegenüber der Redaktion vorbrachten: One Partners soll die neue Green Finance werden, Luma die neue Sun Contracting und One Asset den Immobilienpart der Green Finance einnehmen. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.
Ziel: "Führende Plattform für Finanzberatung in Europa"
One Partners ließ eine umfassende Anfrage der Redaktion unbeantwortet. Ihre Ambitionen sind dennoch bekannt: Videomaterial, das der Redaktion vorliegt, zeigt, wie die Vermittler von Green Finance und Sun Contracting in Infomeetings zum Wechsel in die neue Luma-One-Sphäre beschworen werden. Es bringe nichts, "jetzt zur Wiener Städtischen" zu gehen, heißt es da an einer Stelle. "Das Geschäftsmodell funktioniert, es braucht nur eine Neuausrichtung", hören die Berater. Mit ihrer Hilfe soll One Partners "die führende Plattform für Finanzberatung in Europa" werden. Den "fleißigen, guten" Vertrieblern will One-Partners-Chef Thomas H. Maklerbestände zuteilen, die er am Markt aufkauft. Das Provisionsmodell bleibe gleich, versichert er. Unklar bleibt, wie all das finanziert werden soll.
Traurig für geschädigte Anleger ist der Zeitpunkt dieser Veranstaltungen. Sie fanden bereits statt, als die Sun Contracting noch keine Insolvenz beantragt hatte. Während die meisten Kunden vom Untergang ihres Geldes noch nichts ahnten, informierten sich viele ihrer Vermittler schon über Alternativprodukte.
One Asset Capital und die notleidenden Immobilien
Diese Alternativen locken mit großen Versprechen. Der Immobilienarm One Asset Capital will laut Geschäftsführer Michael E. "einer der führenden Anbieter für notleidende Immobilien" werden, mit einem Umsatz von 17 Millionen Euro schon 2030. Die Idee: Objekte "deutlich unter Schätzwert" ersteigern, veredeln und weiterverkaufen. Tatsächlich gab es bereits einen Kauf aus einer "Notlage". Ob unter Schätzwert ist unklar. Nach Ansicht von Ermittlern kaufte One der Green Finance Gruppe eine einst um 75.000 Euro erworbene Liegenschaft um rund eine halbe Million Euro ab. Ob eine zwischenzeitlich erteilte Baubewilligung diese Aufwertung rechtfertigt, bleibt offen. Green Finance ist trotz hoher Schulden im Unterschied zur Weggefährtin Sun Contracting nach derzeitigem Kenntnisstand nicht pleite. Verkäufe wie diese sorgen für Einnahmen.
Notleidende Immobilien ließen sich um bis zu 50 oder 60 Prozent unter Wert erwerben, hatte One-Asset-Capital-Geschäftsführer Michael E. den potenziellen Vermittlern versichert. Wie das beim Deal mit der Green Finance Gruppe war, wollte er der Redaktion nicht erläutern. Eine Verbindung weist er zurück. E. betont schriftlich, er habe die One Asset Capital GmbH "aus freien Stücken gegründet", trage die "volle Verantwortung" und sehe ein funktionsfähiges Geschäftsmodell. "Von Geschäftspraktiken, welche Personen aus dem Umfeld der Green Finance/Sun Contracting Gruppe (…) vorgeworfen werden", distanziere er sich "ganz klar".
Luma: Exorbitante Umsatzziele
Am markantesten sind in dem neuen Firmen-Gebilde wohl die Verheißungen der Sonnenstromschiene: Nach gut 900.000 Euro Umsatz im Jahr 2024 will Luma Solar Invest bis 2029 auf nahezu 58 Millionen Euro wachsen und in acht Ländern aktiv sein. Anders als Sun Contracting setze man auf kleinere PV-Anlagen, etwa auf privaten Dächern. Dort seien, so Inhaber Lukas S. in der Videoaufzeichnung, "jährliche Renditen von 14 bis 18 Prozent" erzielbar.
Bei dem Termin lässt S. keinen Zweifel an seiner breiten Solar-Expertise, bis hin zu einer Firma, die er an die Börse führte. Unter den Tisch fiel nur, dass es sich um die Cleen Energy AG handelte, die S. 2023 als Sanierungsfall verließ und die 2025 insolvent wurde. Davor scheiterte bereits ein Bauunternehmen von S.. Insolvenzen sind kein Gegenargument für neue Projekte. Im Gegenteil; Erfolg entsteht oft gerade aus harten Lerneffekten. Sind diese zu erkennen? Vor Vermittlern bekannte sich S. als Sun-Contracting-Anleger (ebenso wie sein Kollege, der Chef von One Asset). Ob ein erfahrener PV-Manager die jahrelang hohen Schuldenquoten der Sun Contracting nicht hätte als Risiko erkennen müssen, ließ S. gegenüber der Redaktion unbeantwortet.
Neues Kapital für Luma
Ebenso Fragen zur Bilanz seiner Luma, der momentan neues Leben eingehaucht wird. Gegründet 2018, schrieb sie von Beginn weg Bilanzverluste und in den letzten Jahren negatives Eigenkapital. Im Herbst 2025 legt Luma dann den Jahresabschluss für 2024 vor – mit einer neuen Kapitalrücklage über 400.000 Euro. Zwar bestand diese 2024 nur als "Kapitalzusage" von Geschäftsführer und Aktionär S.; formal genügte das aber, um das Eigenkapital bereits im Abschluss ins Positive zu befördern. Mit den verbesserten 2024er-Zahlen startete Luma im Herbst 2025 in den Vertrieb von Anleihen und Nachrangdarlehen. Erst nach einer im August 2025 beschlossenen Kapitalerhöhung zahlte S. dann laut Firmenbuch den Betrag ein.
Woher er dieses Geld hat, würden wiederum gern die Gläubiger seiner Ex-Firma Cleen Energy wissen. Entsprechende Fragen erreichten die Redaktion. Nach Ansicht des Masseverwalters (er hat eine Klage eingebracht) schuldet S. den Gläubigern nämlich einige Hunderttausend Euro aus einem Darlehen.
Insider-Anzeige
Auch die Polizei prüft solche Geldströme. Nach einer Anzeige muss sie der Frage nachgehen, ob die neuen Luma-One-Unternehmungen Startkapital aus dem Kreis von Green Finance/Sun Contracting erhalten haben. Luma-Chef S. gab zur Kapitalherkunft keine Auskunft. Verbindungen wies er aber kategorisch zurück: "Wir hatten in der Vergangenheit und auch in der Zukunft keinerlei Geschäftsbeziehung mit Sun Contracting oder Green Finance", schreibt er der Redaktion.
Um ihr Geschäft zu finanzieren, verkauft Luma seit Kurzem eine fünfjährige Anleihe mit 6,5 Prozent Zinsen sowie ein qualifiziertes Nachrangdarlehen – ein hochriskantes Produkt, bei dem Geldgeber erst nach allen anderen Gläubigern bedient werden und Zahlungen bei Problemen sofort eingestellt werden. Auffällig ist die vergleichsweise geringe Vergütung im risikoreichen Nachrang: In den ersten Jahren fünf Prozent per annum, und das nur auf den Nominalbetrag (Anleger zahlen zusätzlich vier Prozent Agio). Erst nach sieben Jahren steigt der Kupon auf 5,5 Prozent und kann bei 20-jähriger Laufzeit bis zu sieben Prozent erreichen. Zinsen fließen – abgesehen von Einmalerlagsbestimmungen – erst am Laufzeitende. Dasselbe Staffelmodell mit endfälligen Zinsen kennt man von Sun Contracting.
Hohe Kosten
Erneut – wie bei Sun Contracting und Green Finance – sind die Kosten beachtlich. Größtenteils entfallen sie auf Vertrieb und Marketing. Bei der Luma-Anleihe sind es einmalig 28 Prozent und jährlich rund zwei Prozent, die nicht investiert werden. Beim Nachrangdarlehen betragen die Kosten 23,5 Prozent vom Nominalbetrag (ohne vierprozentigen Ausgabeaufschlag). Sie würden prozentual sogar steigen, wenn die Volumina nicht vollständig gezeichnet werden, weil dann der Fixaufwand stärker durchschlägt. Volle Volumina heißt beim Nachrangdarlehen 50 Millionen Euro, bei der Anleihe knapp zwei Millionen.
Vermittler sollen beim qualifizierten Nachrangdarlehen 9,75 Prozent Provision für Ratenverträge und 19,5 Prozent für Einmalerläge erhalten. Zudem gehört ihnen das Agio von vier Prozent. Einen Bonus von maximal ein Prozent des platzierten Volumens darf zudem der Geschäftsführer erwarten; vom Vollbetrag inklusive Agio.
Auch die Immobiliengesellschaft One Asset Capital bewirbt seit Kurzem ein Nachrangdarlehen. Der versprochene Zinssatz liegt bei sechs Prozent. Die auf der Homepage zu sehenden Unterlagen sind vorerst weniger umfangreich als bei der Luma.
Prüfer und Partner in einem
Ein Detail fällt bei den Kapitalmarktprodukten von Luma und One Asset auf, zu dem die Redaktion keine Stellungnahme erhielt: Als Prüfer nach dem Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) wurde Thomas H. engagiert, der Geschäftsführer der neuen Vertriebsplattform One Partners. Zwar darf er als gewerblicher Vermögensberater AltFG-Prüfer sein, also die ordnungsgemäße Veröffentlichung bestimmter Informationen kontrollieren. Allerdings "beaufsichtigt" er in diesem Fall als One-Partners-Chef ausgerechnet seine engsten Produktpartner. Das Gesetz besagt: "Der Prüfer darf keinem Interessenkonflikt unterliegen, insbesondere in Bezug auf Auftragsverhältnisse zum Emittenten."
Die Redaktion hat wiederholt über Gefahren für Vermittler berichtet, wenn diese die Unterlagen nicht ausreichend begutachten. Der Appell zur Tiefenprüfung gilt erneut. Nach der Pleite von Sun Contracting drohen Vertrieblern bereits rechtliche Konsequenzen, da gängige Beratungs-Standards oft missachtet wurden. Wirtschaftlich erwies sich das Modell als nicht tragfähig. Verantwortliche von Luma und One weisen einen Bezug zu Green Finance oder Sun Contracting zurück. Ob der neue Rahmen die versprochenen Erträge ermöglicht, müssen Berater und Anleger selbst beurteilen.
Ermittlungen
Im Umfeld von Sun Contracting und Green Finance ermittelt die WKStA bereits seit Herbst 2024 – momentan gegen 28 Beschuldigte, davon vier Verbände. Es gab Hausdurchsuchungen und Telefonüberwachungen. Im Raum stehen die Delikte Anlagebetrug, Bilanzfälschung, Untreue und betrügerische Krida. Drei Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft. Sie sollen unter anderem bei Firmen- beziehungsweise Aktientransaktionen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Der von der WKStA momentan angenommene Schaden hat sich bis jetzt auf über 30 Millionen Euro erhöht. Bisher haben sich mehr als 300 Anleger diesem Verfahren angeschlossen, wie die WKStA mitteilt.
Der Gesamtschaden dürfte um ein Vielfaches höher sein. Rund 6.000 Anleger haben nach der Insolvenz um die 400 Millionen Euro an Forderungen angemeldet. Sun Contracting und Green Finance sollen nach Ermittlererkenntnissen rechtlich von denselben Personen dominiert sein. Ausgelöst hat die Ermittlungen ein ehemaliger Vermittler mit einer Selbstanzeige. (eml)















