Nach der behördlichen Zustimmung kann die Bank99, das neue Kreditinstitut der Österreichischen Post, per Anfang Dezember rund 100.000 Kunden, 230 Mitarbeiter und sämtliche Produkte der ING Bank übernehmen. Die im April 2020 an den Start gegangene Bank99 verdoppelt damit ihre Kundenanzahl und wächst auf 320 Mitarbeiter, die künftig am ehemaligen Firmensitz der ING im Wiener Galaxy Tower in der Praterstraße arbeiten werden.

In den kommenden Monaten wird nun an der technischen Integration gearbeitet – aber auch am Ausbau des Produktangebotes. Pläne präsentierten am Donnerstag (2.12.) Post-Chef Georg Pölzl und Florian Dangl, Vorstand der Bank99. Angestoßen durch die Produktpalette der ING, deren Kunden aus einem breiten Fondsangebot wählen konnten, wird die Bank99 ihr bisher nur begrenztes Angebot an Anlageprodukten nun schneller als geplant ausbauen.

"Ganz, ganz spannendes Geschäftsfeld"
Die übernommenen ING-Kunden können ihre Fonds auch in der neuen Bank weiterführen. Es werde überlegt, den Bank99-Kunden diese Produkte ebenfalls zur Verfügung zu stellen. Das bestehende Angebot "Anlage99" sei eine "niederschwellige Anlagelösung" für klassische Einlagenkunden, die wenig Investitionserfahrung mitbringen und mit einer größeren Auswahl überfordert wären. Bei "Anlage99" handelt es sich um ein kürzlich vorgestelltes Produkt, bei dem über eine App derzeit nur ein einzelner Fonds – der "Standortfonds Österreich" von Own 360 – in einem Sparplan-Modell bespart werden kann.

Beide Positionierungen hätten ihre Berechtigung und könnten parallel weitergeführt werden, so Dangl. Angedacht ist aber auch ein tieferer Einstieg ins Brokerage-Geschäft. In absehbarer Zeit könnte den Kunden der Zugang zum Kauf von Aktien, Anleihen oder Rohstoffen eröffnet werden. "Das sehen wir als ganz, ganz spannendes Geschäftsfeld", so Dangl.

Umsetzung offenbar nicht mit Grawe
Mit wem die Bank99, die zu 80 Prozent der Post und zu 20 Prozent zur Grawe gehört, eine Brokerage-Schiene umsetzt, scheint noch nicht geklärt. Es klingt aber nicht nach einem Platz für den Aktionär Grawe, der mit Dadat und Die Plattform bereits zwei Lösungen am Markt hat. Man müsse auch über die Landesgrenzen hinausschauen, hielt sich Dangl bedeckt. Denkbar sei eine White-Label-Lösung, jedenfalls aber keine regulatorisch aufwändige eigene Umsetzung.

Potenzial, das Geld der Kunden in die Veranlagung zu ziehen, gibt es bei der Bank99 genug: Die übernommenen ING-Kunden bringen 1,6 Milliarden Euro an Einlagen mit, rund 600 Millionen Euro befinden sich in Anlageprodukten, so Dangl. Reinen Sparkunden hatte die ING rasch nach der Bekanntgabe des Marktrückzugs gekündigt, sie waren nicht Teil der Transaktion zur Bank99. Aber auch die Anlagekunden bringen demnach beachtliche Cashpositionen mit.

Persönliche Betreuung für Onlinekunden
Die ING-Kunden – sie haben bisher ausschließlich Onlineservices genossen – wolle man nicht zuletzt durch die persönliche Betreuung überzeugen, so Dangl. Hier kann man auf das rund 1.800 Geschäftsstellen starke Post-Netzwerk verweisen. Bei Produkten, die die ING über Direktverkauf unter die Kunden brachte, wolle man den Bankbetreuer "ins Spiel bekommen". Darüber hinaus wirbt man mit zeitgemäßen Adaptierungen: Die ING hätte mit der Entscheidung, das Privatkundengeschäft in Österreich aufzugeben, zuletzt gewisse Features nicht mehr ausgebaut. Nun würde den transferierten Kunden bei der Bank99 Apple Pay und eine Mastercard mit Debitfunktion zur Verfügung stehen.

Für bisherige ING-Kunden gibt es zunächst keine unmittelbaren Änderungen. Vorerst werden die zwei Kanäle getrennt weitergeführt. Ab Sommer 2022 soll mit der Übernahme des Kernbankensystems der ING die Verschmelzung abgeschlossen sein. Dann könnten sämtliche relevante Finanzprodukte aus einer Hand angeboten werden: Girokonto, Konsumkredit, Sparen und Bausparen, Immobilienfinanzierung, Depot und Versicherung. Auch die Variante eines Gratiskontos soll im Produktportfolio der Bank99 bestehen bleiben. (eml)