Österreichs Kapitalmarkt gehört nur selten zu den Vorreitern. Wenn es um die Blockchain geht, haben die Teilnehmer aber immer wieder Experimentierfreude bewiesen. Anfang Oktober hat die Republik Staatsanleihen mit Unterstützung der Blockchain verkauft – hier wurde die Technologie aber nur zur Qualitätssicherung im Hintergrund eingesetzt. Nun hat die Infrastrukturgesellschaft Asfinag gemeinsam mit der Erste Group ein Schuldscheindarlehen (SSD) komplett über die Blockchain abgewickelt. Es ist demnach das erste Mal, dass in Europa ein vollständiger Emissionsprozess vom Vertrieb über die Zuteilung und Ausfertigung der Vereinbarung zum Schuldscheindarlehen digital abgebildet wurde.

Die der Republik gehörende Asfinag emittierte dabei ein Schuldscheindarlehen mit einem Volumen von 20 Millionen Euro. "Gewöhnlich erfordert der Prozess inklusive Erstellung und Ausfertigung der Transaktionsdokumente samt Unterschriften sehr viele Arbeitsschritte und eine große Menge Papier. Je nach Art und Umfang des Deals dauert das eine ganze Arbeitswoche, wenn nicht zwei. Diese Transaktion wurde hingegen in wenigen Sekunden abgewickelt", sagte ein Sprecher der Erste Group zu FONDS professionell.

Effizienzgewinne
Die Erste Group habe die dafür nötige Plattform selbst entwickelt. Diese sei offen konzipiert, so dass weiteren Banken und Plattformen ein Andocken ermöglicht werde. Die Anwendung der Blockchain-Technologie bedeutet für Emittenten und Investoren erhöhte Effizienz, mehr Transparenz und weniger operationelles Risiko.

Am Ende dürfte eine derart beschleunigte Abwicklung nicht direkte Effizienzgewinne bringen. Zum Beispiel müssten die Beteiligten nicht mehr Tage oder gar Wochen das nötige Kapital blockieren, bis der Deal abgewickelt ist. Das System der Erste-Plattform basiert auf dem Hyperledger Fabric – der von der Linux Foundation geschaffenen Blockchain-Lösung für Unternehmen.

Schuldscheindarlehen
Von Unternehmen begebene Schuldscheindarlehen machen in Europa ein Volumen von mehr als 100 Milliarden Euro aus. Am beliebtesten ist dieses Instrument in deutschsprachigen Ländern, heißt es in einer Aussendung der Erste Group. Doch wurde der SSD-Markt in den letzten Jahren zunehmend international, da auch polnische, ungarische und tschechische Unternehmen erstmals Schuldscheindarlehen emittiert haben.

SSD weisen Merkmale von sowohl Krediten als auch Anleihen auf, da sie eine bilaterale, nicht registrierte und (im Allgemeinen) nicht geratete Kreditvereinbarung darstellen, die direkt an institutionelle Anleger verkauft wird; SSDs sind nicht börsennotiert. Sie sind üblicherweise als vorrangige, unbesicherte Instrumente strukturiert. Die Dokumentation und die Vorlaufzeit für SSDs sind kürzer als jene von alternativen Instrumenten. (eml)