Die Causa Wirecard hält die Finanzwelt in Atem. Unzählige Anleger sitzen auf hohen Verlusten, schließlich war die Aktie des mittlerweile insolventen Zahlungsdienstleisters nicht nur im Dax und den entsprechenden ETFs vertreten, sondern auch in vielen aktiv gemanagten Fonds. "Eine Anlegergruppe sollte allerdings von den Auswirkungen der Wirecard-Pleite gänzlich verschont geblieben sein – die Anleger nachhaltiger Aktienfonds", meint Gunter Greiner, Leiter Portfoliomanagement bei Wiwin, einem Mainzer Spezialisten für nachhaltige Investments.

Denn: "Ähnlich wie ein Türsteher vor der Disco hätte der Fondsmanager eines solchen nachhaltigen Aktienfonds zu Wirecard gesagt: 'Du kommst hier nicht rein!'", so Greiner. Seiner Überzeugung zufolge muss ein Nachhaltigkeitsfonds alle drei ESG-Kriterien bei der Einzeltitelselektion beachten: Environmental, Social und Governance. Wirecard habe keines dieser Kriterien erfüllt.

"Wirecard erfüllt nicht ein einziges der drei ESG-Kriterien"
Für Greiner bedeutet "E" nicht nur, dass ein Unternehmen nicht besonders umweltschädlich sein darf, etwa weil es Kohle fördert, sondern vielmehr, dass es tatsächlich einen positiven Beitrag zum Umwelt- oder Klimaschutz leistet. "Dies konnten wir bei Wirecard nicht feststellen", betont der Portfoliomanager.

Auch beim "S" gebe es Fragezeichen: "Was bei all den haarsträubenden Neuigkeiten um Wirecard schnell in Vergessenheit gerät, ist die Tatsache, dass das Unternehmen in seinen Anfängen mit der Zahlungsabwicklung von Glücksspiel- und Pornoseiten sein Geld verdiente", erinnert Greiner. "Glücksspiel und Pornografie sind für uns bei der Social-Komponente bereits eindeutige Ausschlusskriterien."

Auch mit Blick auf das "G" habe Wirecard verschiedene Kriterien verletzt. Der Investmentprofi nennt als Beispiel die "mehrmaligen fundierten Vorwürfe der falschen beziehungsweise irreführenden Bilanzierung" durch Analysten, Journalisten und andere Börsenteilnehmer. "Spätestens seit den Querelen um die KPMG-Sonderprüfung und das Testat für den Jahresabschluss Wirecards waren die 'Red Flags' auch durch den dichtesten Nebel sichtbar", meint Greiner. Sein Fazit: "Das Unternehmen Wirecard erfüllt nicht ein einziges der drei ESG-Kriterien." Er plädiert dafür, dass der ESG-Ansatz nicht nur bei Nachhaltigkeitsfonds Anwendung finden sollte, sondern grundsätzlich bei allen aktiv gemanagten Finanzprodukten. (bm)