OeNB-Gouverneur Robert Holzmann und Vize-Gouverneur Gottfried Haber sehen Österreich bei der Bewältigung der Corona-Krise grundsätzlich auf gutem Weg. Das Land stehe besser da als viele andere Staaten, hoben sie bei der kürzlich erfolgten traditionellen Aussprache des Finanzausschusses des Nationalrats mit der Nationalbankspitze hervor. So könnte etwa die österreichische Wirtschaft heuer mit -7,2 Prozent weniger stark einbrechen als jene im Euroraum. Für den Euroraum wird ein Minus von 9,1 Prozent prognostiziert, die Europäische Zentralbank (EZB) geht in der Juni-Prognose von -8,7 Prozent aus. 2021 könnte der Euroraum laut EZB wieder um 5,2 Prozent wachsen. Allerdings setzen die Zahlen voraus, dass es gelingt, einen weiteren COVID-19-Ausbruch zu verhindern, und dass bis Mitte 2021 ein Impfstoff beziehungsweise Medikament verfügbar ist. Als gute Nachricht für Österreich wertet Holzmann, dass die Wirtschaft in den ost- und südosteuropäischen Ländern gemäß der Analyse weniger stark schrumpft als im Euroraum.

Was die Corona-Krise betrifft, warnte Haber jedoch ganz allgemein "vor der Illusion einer falschen Exaktheit". Man könne die Wirksamkeit der gesundheitspolitischen und der wirtschaftspolitischen Maßnahmen immer nur schätzen, meinte er. Europäische Hilfen für von der Corona-Krise besonders stark betroffene Länder hält Haber daher für notwendig – man müsse international koordiniert rasch stabilisieren, um aus der Krise zu kommen. Dass die Hilfen und die steigenden Staatsschulden in eine Euro-Krise münden könnten, sieht er nicht, da er davon ausgehe, dass die Gesundheitskrise nur eine vorübergehende sei und man danach "wieder auf einen nachhaltigen Pfad zurückkehrt".

Pandemie-Notfallankaufprogramm 
Was die von der Europäischen Zentralbank gesetzten Maßnahmen betrifft, verwies Holzmann darauf, dass sich an den Zinsen nichts geändert habe. Das Ankaufsprogramm für Wertpapiere sei aber zweimal erhöht worden. Insgesamt stünden für das Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) bis Juni 2021 1.350 Milliarden Euro zur Verfügung. Als Grund für dieses Programm nannte Holzmann zum einen die Inflation, zum anderen wollte man der hohen Verunsicherung an den Finanzmärkten zu Beginn der Epidemie begegnen. Als zweites EZB-Handlungsinstrument verwies er auf spezifische Kreditvergaben an Banken, mit dem Ziel, diese Klein- und Mittelbetrieben zur Verfügung zu stellen.

Banken sind gut vorbereitet in die Krise gekommen
Keine Sorgen machen sich Holzmann und Haber zumindest vorerst um die österreichischen Banken. Diese hätten nach wie vor einen erheblichen Finanzpuffer. Die Kritik vieler Unternehmen an zurückhaltenden Kreditvergaben durch Banken trotz staatlicher Garantien lässt sich laut Haber pauschal gesehen durch Zahlen nicht bestätigen: Immerhin seien die Kredite in den Monaten März bis Mai um 31 Milliarden Euro gestiegen. Die Notenbank empfiehlt den Banken allerdings unter anderem "eine umsichtige Ausschüttungspolitik", um Eigenkapital zu erhalten.

So ist für Haber auch klar, dass die Banken, auch wenn man ihnen viel Verantwortung abgenommen habe, weiterhin Sorgfaltspflichten hätten. Schließlich müsse man aufpassen, dass man nicht von der Coronakrise in eine Bankenkrise schlittere. Die Kreditinstitute würden die großen Herausforderungen erst 2021 und 2022 spüren, vermutet er. Von einer Überforderung des Finanzsektors sei Österreich derzeit aber weit entfernt, versicherte Haber, Österreich befinde sich auf gutem Weg. Der Anteil der Fremdwährungskredite an den Unternehmenskrediten ist laut Haber in den letzten Jahren stark gefallen und liegt nur noch bei zwei Prozent

Wirecard: Keine systemischen Risiken für österreichische Banken
Zum Thema Wirecard merkte Haber an, dass es aufgrund der Volumina ihres Engagements keine systemischen Risiken für österreichische Banken gebe. Was die Frage der Aufsicht betrifft, gab er zu bedenken, dass die großen Player im Finanzdienstleistungssektor nicht in Österreich säßen. Bei Wirecard gehe es aber offenbar ohnehin eher in Richtung Bilanzskandal und nicht so sehr um Malversationen beim Zahlungsverkehr. Es sei jedoch wichtig, dass bei der Aufsicht keine Lücken bestehen, betonte Haber und sicherte Gespräche auf europäischer Ebene zu. (gp)