Neobroker pochen bei ETFs auf Bestandsprovision
Bei ETFs fließen keine Provisionen an die Vertriebsstellen. Das ist bislang die Regel, und deshalb sind diese Fonds so günstig. Offenbar fordern aber manche Akteure nun eine Vergütung, zeigen Recherchen von FONDS professionell ONLINE. Das käme einem Tabubruch gleich. Die Aufsicht ist alarmiert.
Brokerhäuser fordern von Produktanbietern eine Vergütung für den von ihnen betreuten Bestand an börsengehandelten Fonds (ETFs). Eine ganze Reihe von Vertretern großer wie kleinerer ETF-Gesellschaften haben gegenüber FONDS professionell ONLINE bestätigt, dass solche Ansprüche gestellt worden seien – insbesondere bei Verhandlungen mit Neobrokern. Die Mitarbeiter der ETF-Häuser wollen nicht öffentlich genannt werden.
Wenn entsprechende Zahlungen von Fondsgesellschaften an die Broker erfolgen, würde dies eine Zäsur markieren. Denn eigentlich fließen bei ETFs keinerlei Bestandsprovisionen. Auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin ist bereits auf solche Ansinnen aufmerksam geworden. "Der Bafin ist bekannt, dass einzelne Intermediäre versuchen, auch mit ETF-Anbietern Vereinbarungen über Bestandsprovisionen zu schließen", teilte die Behörde auf Anfrage der Redaktion mit.
An Säule gerüttelt
ETFs erleben ein enormes Wachstum. Gründe dafür sind die einfache Handelbarkeit über die Börse, die Transparenz sowie die geringen Kosten. Ein Aspekt der niedrigen Gebühren ist, dass an Vertriebe keine Provisionen fließen – anders als bei herkömmlichen Investmentfonds. Doch offenbar wollen manche Akteure an dieser Säule rütteln.
Insider berichten gegenüber FONDS professionell ONLINE, dass Broker an der Verwaltungsvergütung und eventuell anfallenden Einnahmen aus der Wertpapierleihe der ETF-Anbieter beteiligt werden möchten. Dies solle im Rahmen eines sogenannten "Revenue Share"-Modells erfolgen. Auch andere Formen von Zahlungen der ETF-Anbieter anhand des über die jeweiligen Broker von Endkunden gehaltenen Bestandsvolumens seien in der Diskussion, heißt es von Insidern.
Geschäftsmodell in Gefahr
Die Begehrlichkeiten stehen vor dem Hintergrund, dass die Verbreitung von ETFs unter Privatanlegern massiv zunimmt. So haben einer Studie des Portals "Extra-ETF" zufolge europäische Anleger allein über Sparpläne 2025 insgesamt 22,7 Milliarden Euro in börsengehandelte Fonds investiert. Dabei ist Deutschland der größte Markt. Auch in Österreich wächst das Geschäft. Direktbanken wie Neobroker profitieren von diesem Trend.
Gerade Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital oder Finanzen.net Zero suchen jedoch nach neuen Einnahmequellen. Hintergrund ist das Verbot von Provisionen für die Weiterleitung von Handelsaufträgen ("Payment for Order Flow"). Diese flossen bislang von Handelsplatzbetreibern an die Broker. Diese verlangen dafür von den Endkunden keine Ordergebühren. Diese Praxis wird europaweit nicht mehr zulässig sein. Um sich neue Einnahmequellen zu erschließen, haben Häuser wie Scalable Capital oder jüngst Trade Republic die Gründung eigener Handelsplätze in Angriff genommen.
Einnahmequellen erschließen
Provisionen auf ETF-Bestände stellen einen weiteren Weg dar, um den Brokern Erlöse zu bescheren. Zudem würden sie dann nicht nur beim An- und Verkauf von ETF-Anteilen durch Endkunden verdienen, sondern auch laufende Erträge vereinnahmen. Bislang lehnen einige ETF-Anbieter nach eigener Aussage das Verlangen nach Provisionen ab. "Darauf lassen wir uns nicht ein", sagte ein Vertreter eines ETF-Anbieters. "Solche Forderungen wehren wir ab", betonte ein ranghoher Mitarbeiter einer anderen ETF-Gesellschaft.
FONDS professionell ONLINE hat mehrere Neobroker zu etwaigen Zahlungen befragt. Scalable Capital und die Finanzen.net-Gruppe, die hinter Finanzen.net Zero steht, verwiesen darauf, Marktgerüchte nicht kommentieren zu wollen. Trade Republic teilte mit, dass das Haus "Details zu vertraglichen Vereinbarungen mit unseren strategischen Partnern grundsätzlich nicht öffentlich kommentiert". Smartbrokerplus kommentierte diesen Aspekt nicht.
Kalkül hinter kostenlosen Sparplänen
Gänzlich neu sind Vereinbarungen zwischen Fondsanbietern und den Vertriebsstellen nicht. Landläufig bekannt ist, dass sich Direktbanken wie Neobroker sogenannte Free-Trade-Aktionen von den ETF-Anbietern zumindest teilweise bezahlen lassen. Dabei können Endkunden die ETFs bestimmter Anbieter kostenlos ordern oder Sparpläne umsonst ausführen.
Die Fondsgesellschaften erachten solche Zahlungen als Marketing-Aufwand. Das Kalkül dahinter: Neben der Aufmerksamkeit für ihre Produkte bescheren die regelmäßigen Einzahlungen in ETF-Sparpläne den Anbietern stete Mittelzuflüsse – und damit stabile Gebühreneinnahmen. Eine völlig neue Dimension wären jedoch volumenabhängige Zahlungen der ETF-Anbieter an die Vertriebsstellen.
Zuwendung "unmissverständlich offenlegen"
Solche Praktiken würden regulatorische Fragen aufwerfen. "Bestandsprovisionen, die von Kapitalverwaltungsgesellschaften an Intermediäre gewährt werden, stellen Zuwendungen dar", betont die Bafin auf Anfrage von FONDS professionell ONLINE. "Um die Zuwendung trotz allgemeinen Verbots annehmen zu dürfen, muss der Intermediär die Anforderungen an die Qualitätsverbesserung, das Interessenkonfliktmanagement und die Transparenz gegenüber den Kundinnen und Kunden erfüllen."
Die Neobroker müssten also darlegen, ähnlich wie herkömmliche Banken, dass sie Provisionseinnahmen in die Aufwertung ihrer Dienstleistungen stecken – und entsprechende Ausgaben vorweisen. Zudem müssten die Neobroker die Zuwendungen "vor Dienstleistungserbringung in umfassender, zutreffender und verständlicher Weise unmissverständlich offenlegen", wie die Bafin erläutert. "Dies erfolgt in Deutschland regelmäßig über den sogenannten Ex-ante-Kostenausweis, bei dem die Bestandsprovisionen als Teil der fortlaufenden Dienstleistungskosten separat ausgewiesen werden." Die rechtliche Basis sieht in Österreich gleich aus.
"Kontinuierliche Qualitätsverbesserung"
Wie gehen die Neobroker mit solchen Anforderungen um? Trade Republic teilte auf Anfrage der Redaktion mit, dass "jegliche Form der Vergütung konsequent in die Weiterentwicklung und Qualitätsverbesserung unserer Plattform fließt, um unseren Kunden eine bestmögliche Infrastruktur sowie eine kontinuierlich hohe Servicequalität zu bieten."
Scalable Capital betonte, "dass wir hinsichtlich Zuwendungen und Interessenkonflikten als voll regulierte Bank umfangreiche Maßnahmen ergriffen haben, um unser Geschäft transparent gegenüber unseren Kundinnen und Kunden und im Einklang mit allen einschlägigen Gesetzen und Regulierungen erbringen zu können."
"Für die Finanzen.net-Gruppe stehen die Einhaltung sämtlicher regulatorischer Anforderungen sowie die kontinuierliche Qualitätsverbesserung ihrer Dienstleistungen an oberster Stelle", teilte der Anbieter mit. Die Gruppe stelle jederzeit sicher, "dass Transparenz und die Interessen ihrer Kundinnen und Kunden stets Priorität haben." Smartbrokerplus erklärte in einer nachgereichten Stellungnahme: "Wir haben alle erforderlichen Vorkehrungen zum Umgang mit potenziellen Interessenkonflikten getroffen, um Risiken der Beeinträchtigung von Kundeninteressen zu vermeiden." (ert)
Der Artikel wurde um eine nachgereichte Stellungnahme von Smartbrokerplus ergänzt.














