Das letzte Mal, dass alle Vorstandschefs der großen US-Banken zugleich auch ihre Aufsichtsräte leiteten, war im Jahr 2007 – damals stellte Steve Jobs gerade das erste iPhone vor, und Bear Stearns hatte noch einen Börsenwert von rund 20 Milliarden Dollar.

Mit der Ernennung von Jane Fraser, CEO der Citigroup, zur Chairwoman des Aufsichtsrats ist es nun erstmals seit damals wieder so weit: Alle Chefs der größten US-Banken sitzen zugleich an der Spitze ihrer Boards. Vor 18 Jahren war Citigroup zuletzt in dieser Konstellation geführt worden – kurz bevor die globale Finanzkrise die Branche grundlegend veränderte und Namen wie Lehman Brothers, Merrill Lynch oder Washington Mutual von der Bildfläche verschwanden.

"Big Six" sichern sich doppelte Kontrolle
Bereits vor drei Monaten hatte Charles Scharf dieselbe Doppelfunktion bei Wells Fargo übernommen. Damit reiht er sich in eine Gruppe ein, die aus Jamie Dimon (JP Morgan Chase), David Solomon (Goldman Sachs), Brian Moynihan (Bank of America) und Ted Pick (Morgan Stanley) besteht – letzterer erhielt den Titel des Aufsichtsratschefs im Januar.

Diese Konzentration von Macht fällt in eine Phase hoher Gewinne: Die Profite der Banken steigen dank höherer Zinsen und aktiver Handelsmärkte, die Aktienkurse legten in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 20 Prozent zu. Citigroup erzielte mit 53 Prozent Kursplus den größten Anstieg.

Bonuszahlungen und Kritik an der Machtfülle
Nicht alle begrüßen diese Entwicklung. Kritiker sehen die Kombination von Machtzuwachs, gelockerten Aufsichtsregeln und hohen Vergütungspaketen mit Skepsis. Fraser erhielt im Zuge ihrer Ernennung eine Sonderprämie in Millionenhöhe, um sie langfristig an die Bank zu binden – ähnlich wie Scharf, der beim Amtsantritt als Wells-Fargo-Vorsitzender im Juli Aktien im Wert von 30 Millionen Dollar zugesprochen bekam.

Der Wells-Fargo-Analyst Mike Mayo kritisierte Frasers Bonus nun als "zu viel, zu früh" und sagte, Könige mit dem Beinamen "der Große" regierten meist in Zeiten des Wohlstands – man solle also Erfolg nicht mit Genialität verwechseln.

Erfolgreiche Amtsinhaber – und wenig Wechselbereitschaft
Die sechs Bankchefs, die im vergangenen Jahr zusammen 212,7 Millionen Dollar verdienten, verfügen gemeinsam über mehr als 50 Jahre Erfahrung an der Spitze ihrer Institute. Einige von ihnen – darunter Fraser (58) und Scharf (60) – treiben aufwendige Restrukturierungsprogramme voran. Alle signalisierten, dass sie noch jahrelang im Amt bleiben wollen. Zu Jahresbeginn erhielten David Solomon (63) und sein designierter Nachfolger John Waldron jeweils 80 Millionen Dollar als Bindungsprämie.

Der dienstälteste Bankchef ist Jamie Dimon (69), der im Mai erklärte, er habe "noch viele Jahre Energie im Tank". Ted Pick (56) wurde erst im vergangenen Jahr CEO, und Brian Moynihan (66) deutete nach 15 Jahren im Amt bislang keinen Rückzug an.

Nach Jahren der Unsicherheit nun Stabilität
Vor wenigen Jahren war die Lage deutlich unruhiger. Morgan Stanley suchte noch einen Nachfolger für James Gorman, Goldman Sachs kämpfte mit Führungsstreitigkeiten und sinkenden Vergütungen, und sowohl Scharf als auch Fraser standen wegen regulatorischer Auflagen unter Druck.

Heute wirkt die Lage stabiler als je zuvor: Die sechs größten US-Banken erhöhten ihre Aktienrückkäufe im dritten Quartal um rund 75 Prozent auf mehr als 27 Milliarden Dollar, wodurch die Anteile bestehender Investoren an Wert gewannen.

Banken mächtiger, aber auch stärker unter Beobachtung
Obwohl es heute weniger Großbanken gibt, verfügen diese über mehr Einfluss als je zuvor. Gleichzeitig hat sich die Struktur von Wall Street deutlich verändert: Vor 20 Jahren ermöglichten lockerere Regeln noch risikoreiche Strategien, während Privatkredite als Nischenprodukt galten.

Heute stehen die Banken unter Druck, Spitzenkräfte zu halten – auch wegen der Konkurrenz durch Private-Equity-Häuser, die mit noch höheren Gehältern locken. Der Barclays-Analyst Jason Goldberg, der die Branche seit 1995 beobachtet, sagte, es sei nicht einfach, gute Führungskräfte zu finden. Wenn man sie habe, müsse man dafür sorgen, dass sie im Unternehmen bleiben. (mb/Bloomberg)