Praktikanten im Bankensektor verbringen den Sommer normalerweise damit, alles über das Unternehmen und die internen Abläufe zu lernen. Doch der Vorstoß der Branche in Richtung Künstliche Intelligenz (KI) hat in diesem Jahr dazu geführt, dass einige von ihnen selbst zu Lehrerinnen und Lehrern geworden sind.

Ein Praktikant im Private Banking bei einem Kreditinstitut in London sagt, er und andere Praktikanten hätten die Aufgabe erhalten, die Nutzung von KI in ihren jeweiligen Teams zu verbessern. Dazu gehörte die Entwicklung neuer Agenten zur effizienteren Erledigung von Aufgaben sowie Vorführungen für erfahrene Banker. Dies sei damit vergleichbar gewesen, seinen Eltern den Umgang mit einem Telefon beizubringen.

Digitale Fähigkeiten der Generation Z nutzen
Der Rollentausch zeigt, wie sich der Einstieg in die Branche verändert, da Banken die digitalen Fähigkeiten der Generation Z nutzen wollen. "Bloomberg News" sprach mit fast einem Dutzend Sommer-Analysten und Praktikanten. Laut ihren Aussagen hat KI die Erwartungen an sie sogar in Gebieten verändert, die keinen Bezug zu Technologie haben.

Ein Praktikant bei einer Bank in London sagte, während der Schulung sei ihnen aufgetragen worden, KI für alles außer E-Mails zu verwenden. Ein Analyst bei einer US-Investmentbank erklärte, er habe E-Mails erhalten, in denen die KI-Nutzung in verschiedenen Funktionen in eine Rangfolge gebracht wurde. Damit sollte eine stärkere Nutzung in den Teams gefördert werden.

Technologisch versiert
"Arbeitgeber sind sich zunehmend bewusst, dass KI in irgendeiner Form die Zukunft ihrer Belegschaft beeinflussen kann", sagte Andrew Powell, Chief Commercial Officer bei der Personalvermittlungsagentur Robert Walters. "Die Talente, die jetzt auf den Markt kommen, sind technologisch sehr versiert und haben KI angenommen wie keine Generation vor ihnen."

Seit Jahren setzen Banken auf Praktika als ersten Schritt, um ihren Nachwuchs an Junior-Analysten im Investmentbanking, in der Vermögensverwaltung oder im Research aufzubauen. Nun richten viele ihre Programme stärker auf Künstliche Intelligenz aus.

Banken bauen KI-Programme aus
Von allen Hochschulabsolventen, die in diesem Jahr bei Banco Santander in Großbritannien anfangen, steigen laut einem Sprecher rund 76 Prozent in Programme mit Bezug zu KI und Daten ein. Im vergangenen Jahr waren es 45 Prozent.

Lloyds Banking hat kürzlich eine Ausbildung speziell für KI-Engineering gestartet. Natwest hat die Zahl der Stellen für Hochschulabsolventen im Engineering seit dem vergangenen Jahr mehr als verdoppelt und ein spezialisiertes Absolventenprogramm für Data Science geschaffen. "Indem wir in unsere Stellen für Hochschulabsolventen und Praktikanten im Engineering investieren, statten wir die nächste Generation von Talenten mit zukunftsfesten Fähigkeiten aus", sagte Scott Marcar, Chief Information Officer von Natwest.

Einstiegsstellen bleiben gefragt
Banken stellen weiterhin ähnlich viele Hochschulabsolventen und Praktikanten ein. Das dämpft Befürchtungen, dass Einstiegsstellen knapper werden. Standard Chartered etwa hat die entsprechenden Einstellungen im Corporate und Investment Banking um 46 Prozent erhöht. Dies ist Teil einer Strategie, Praktikanten als Vollzeitbeschäftigte zu übernehmen.

Hochschulabsolventen sammeln mehr Erfahrung in der Datenanalyse und bei der Suche nach Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung, da KI laut Tanuj Kapilashrami, Chief Operating Officer von Standard Chartered, "mehr Routinetätigkeiten" automatisiert. Die Technologie hilft ihnen, weniger Zeit mit kleineren Aufgaben zu verbringen und sich stattdessen an komplexeren Arbeiten zu beteiligen. Das Erstellen von Präsentationen, das Zusammenfassen von E-Mails und die Vorbereitung von Diagrammen in Microsoft Excel sind deutlich schneller geworden.

Mehr Zeit für komplexere Aufgaben
"Indem sie weniger Zeit mit Routineaufgaben verbringen, können sie sich früher auf Analysen, Problemlösung, Recherche und die Zusammenarbeit mit ihren Teams konzentrieren", sagte Irmgard Naudin ten Cate, Global Talent Attraction and Acquisition Leader bei der Beratungsgesellschaft EY.

"Die Hochschulabsolventen, die erfolgreich sein werden, werden nicht diejenigen sein, die einfach nur wissen, wie man KI nutzt", sagte Sarah Juillet, Director des Postgraduate Careers and Professional Development Center an der Bayes Business School in London. "Es werden diejenigen sein, die wissen, wann sie sie einsetzen und wann sie sie hinterfragen müssen."

Arbeitszeiten nicht verkürzt
Manches hat sich jedoch nicht verändert. Laut den Praktikanten, die allesamt nicht namentlich genannt werden wollten, habe die Nutzung von KI an den in der Branche üblichen langen Arbeitszeiten nichts geändert. (mb/Bloomberg)