Jens Ehrhardt fühlt sich mit Blick auf den Krieg in der Ukraine an die Kubakrise 1962 erinnert. "Auch damals bestand die Gefahr, dass die Sache außer Kontrolle geraten könnte", sagt der Gründer des Vermögensverwalters DJE Kapital im Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). "Das ist leider auch dieses Mal nicht auszuschließen, sosehr ich mir anderes wünschen würde."

Er glaube allerdings nicht, dass es zu einer direkten Konfrontation der Supermächte komme. "Auf einen Atomkrieg kann man sich nicht vorbereiten, dann ist ohnehin alles zu Ende", sagt Ehrhardt, der 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg zur Welt kam. Aber auf die aktuelle Situation könnten Anleger durchaus reagieren.

Auch europäische Reedereien profitieren
"Auch wenn Putin das sicherlich nicht so beabsichtigt hat, gehen viele nordamerikanische Aktien bislang als Gewinner aus der derzeitigen Konstellation hervor", hat der Vermögensverwalter beobachtet. Die US-Ölkonzerne profitierten vom gestiegenen Rohstoffpreis, auch große Düngemittelhersteller, denen die hohen Agrarpreise zugutekämen, stammten überwiegend aus den Vereinigten Staaten. Das gleiche gelte für die wichtigsten Rüstungskonzerne der Welt.

Ein "ungewöhnlicher Profiteur" sei allerdings auch in Europa zu finden: Reedereien. "Russische Frachter dürfen nirgendwo mehr anlegen, deswegen fallen sie als Transportmittel aus. Das lässt die Frachtpreise zugunsten der Reedereien steigen", zitiert die FAS den DJE-Chef.

Dem Dax traut Ehrhardt zum Jahresende 16.000 Punkte zu
Aber ist es denn in Ordnung, als Anleger auf Kriegsprofiteure zu setzen? "Wer Ölaktien, Aktien von Düngemittelherstellern oder von Reedereien kauft, reagiert ja nur auf sich verändernde Preise – damit fördert man keinen Krieg", meint Ehrhardt. Bei Aktien von Rüstungskonzernen könne man das anders sehen. "Seitdem ich meine Vermögensverwaltung in den 1970er-Jahren gegründet habe, habe ich Rüstungsaktien stets gemieden", berichtet Ehrhardt. "Das hat auch damit zu tun, dass ich im Herzen Pazifist bin und Mahatma Gandhi verehre." Der Ukrainekrieg habe ihn jedoch auch mit Blick auf Rüstungsaktien zum Nachdenken gebracht. "Wer sich verteidigen muss, muss auch Waffen benutzen dürfen", sagt er.

Der Vermögensverwalter wagt im Interview zudem eine Prognose, wo der deutsche Aktienindex am Jahresende stehen könnte – auch wenn er betont, "keine Glaskugel" zu haben: "Neue kriegerische Entwicklungen außen vor gelassen, wird der Dax wieder auf 16.000 Punkte steigen." Aktuell notiert der Index bei knapp 14.500 Zählern. Ehrhardt betont, dass europäische Aktien vor Ausbruch des Ukrainekonflikts eigentlich gute Voraussetzungen hatten: "Sie waren und sind im Vergleich zu amerikanischen Aktien so günstig zu haben wie seit 30 Jahren nicht, wenn Sie entsprechende Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis zurate ziehen." Aber der Krieg habe diese guten Aussichten geschmälert.

Aufhören ist für ihn keine Option
Die FAS fragt Ehrhardt auch, ob er mit mittlerweile 80 Jahren nicht langsam den Ruhestand herbeisehne. Doch der Vermögensverwalter verneint entschieden: "Die Börse macht mir einen Riesenspaß. Ich bin dankbar, dass ich auch in höherem Alter noch immer einer solch erfüllenden Tätigkeit nachgehen darf", sagt er. Sein Rat: "Machen Sie Ihr Hobby zum Beruf. Das hält jung und aktiv." (bm)