Während die Märkte noch nicht über dem Berg sind, gibt es immer wieder Signale für eine Aufhellung der Stimmung unter den Investoren und Anlegern. Viele, die in den vergangenen Wochen hohe Volumina in den Geldmarkt umgeschichtet haben, um Risiko herauszunehmen und die weitere Entwicklung abzuwarten, wagen sich bereits zurück, sagt Sandra Straka, Vertriebsleiterin Österreich bei Goldman Sachs Asset Management (GSAM). "Oft mit kleineren Anteilen, aber durchaus auch mit größeren", so Straka gegenüber der Redaktion, ohne genauere Zahlen zu nennen.

Langfristige Investoren nutzen die Gelegenheit
Unter den "Rückkehrern" sei kein Themen-Trend erkennbar. Vielmehr würden die meisten die Kursstürze der vergangenen Wochen nutzen, ihre früheren Strategien zu festigen. "Im Bullenmarkt waren die Bewertungen zuletzt extrem hoch. Natürlich kann heute niemand sagen, ob wir die tiefsten Niveaus schon gesehen haben. Aber gerade aus der Perspektive langfristiger Investoren sind die Kurse so viel tiefer, als alles, was wir aus den vergangenen Jahren kennen. Daher ist es naheliegend, dass viele jetzt die Gelegenheit nutzen", so Straka.

Beim Österreich-Geschäft seien die Mittelflüsse trotz der Krise stabil, "eher im Aufwind", so Straka. Das vor Jahren ausgegebene Ziel, in allen europäischen Märkten unter die Top fünf der ausländischen Player zu kommen, bleibe auch in Österreich ungeachtet der Corona-Krise aufrecht. Allerdings ist unklar, wie weit GSAM davon entfernt ist, da weder Zahlen noch ein Zeitrahmen genannt werden.

Das Kundenverhältnis Retail-Institutionell liege in Österreich etwa bei 60 zu 40 Prozent. Einen Fokus auf eines der Segmente gebe es bei den Ausbauplänen nicht. "Es ist uns sehr wichtig, dass wir eine breite Basis haben und unser Marktanteil sowohl institutionell als auch im Retailgeschäft wächst", so Straka. 

Österreichische Besonderheit
Eine Besonderheit beim Ausbau des Geschäfts in Österreich sei allerdings, dass ein intensiverer Kundenkontakt Voraussetzung ist, da die Marktteilnehmer autonomer agieren würden als etwa in Deutschland. Dort sei es etwa im Wholesale deutlich üblicher, dass die Banken einheitlich ein Produkt vertreiben, das vom Headoffice ausgewählt wird. "Österreich ist dezentraler und es gibt bei vielen Anlagethemen regionale Unterschiede. Da ist es sehr wichtig, dass man viel bei den Kunden unterwegs ist und sehr genau den Einzelbedarf kennt", sagt Straka.

Es habe sich gezeigt, dass die gesetzlichen Corona-Einschränkungen, die den direkten Kundenkontakt weitgehend verbieten, der Kundenbindung nicht im Weg stehen, so Straka. "Homeoffice funktioniert gar nicht so schlecht, wie manche sich das vorgestellt haben. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Kunden sich jetzt sehr viel Zeit nehmen und dankbar sind für zusätzliche Informationen Informationen. Man führt momentan sehr intensive und detaillierte Gespräche", so Straka. 

ETFs: Nur fünf Prozent Durchdringung in Europas Dachfonds
Auf der Produktebene will das einst rein aktive Haus in Österreich die Vermarktung der ETF-Schiene wieder aufnehmen, sobald sich das Bild nach der Krise klärt. Das 2015 in den USA ausgerollte ETF-Angebot ist mit drei Fonds seit dem zweiten Halbjahr 2019 teils auch hierzulande verfügbar. In der Corona-Krise sei die Bewerbung in den Hintergrund getreten, aber langfristig gehe man mit Blick auf die Zahlen von einem “rasanten Wachstum" aus: "Die Marktdurchdringung von ETFs in US-Dachfonds beträgt etwa 23 Prozent. In europäischen Dachfonds liegt die Quote noch unter fünf Prozent. Da besteht sehr viel Potenzial", so Straka. Sie verweist insbesondere auf das weiter geringe Zinsniveau und den steigenden Kostendruck als Treiber für die günstigeren ETFs.

Bisher hat GSAM zwei Aktien-ETFs in der Österreich-Palette, einen US-Large-Cap-Fonds und einen Emerging Markets-ETF, so wie einen China Bond-Fund, in den das Unternehmen große Hoffnungen legt. GSAM sei damit in eine Nische eingestiegen, denn obwohl China sich als zweitgrößter Anleihenmarkt nach den USA vor einiger Zeit geöffnet hat, sei es noch immer schwierig, über die "Bondconnect"-Plattform einzusteigen, über die ausländische Investoren direkt China-Anleihen kaufen können. "Unsere Händler haben einige Monate gebraucht, um den Zugang aufzubauen. Wir denken, wir haben hier ein gutes Vehikel für Investoren, die in China nicht ihren Kernmarkt haben und für die es daher nicht rentabel ist, selbst den Direktzugang einzurichten", so Straka.

"Erwarten starken Rebound"

Zuversichtlich zeigt sie sich bei der globalen Prognose. "Wir haben zwar die weltweiten Wachstumsraten sehr stark nach unten revidiert und unser Ausblick beim US-Wachstum im zweiten Quartal sieht mit minus 34 Prozent nicht wirklich rosig aus. Aber wir erwarten einen sehr starken Rebound schon ab dem dritten beziehungsweise vierten Quartal", sagt die Expertin.

Sie verweist darauf, dass bei derartigen Prognosen in unübersichtlichen Situationen wie der Corona-Pandemie die Wichtigkeit computergesteuerter quantitativer Modelle immer mehr in den Vordergrund rückt. "Die Datenmenge steigt exorbitant. Es wird für die Fondsmanager immer schwieriger, alle Infos zeitnah einzuordnen. Wir haben im Big-Data-Team bereits allein 30 Leute, die neue Daten suchen und schauen, ob Trends, wie neue Patente in der Pharmaindustrie für uns relevant sind", so Straka. (eml)