Wer ist glücklicher? Der Mittzwanziger, der noch ziemlich am Anfang seiner beruflichen Karriere steht? Oder der Beinahe-Ruheständler, der alles erreicht hat und nun entspannt und finanziell einigermaßen abgesichert der letzten Etappe seines Lebens entgegensieht? Bisher lautete das Versprechen der Wissenschaft (und das vieler Versicherungen): Nach den kräftezehrenden Jahren in der Mitte des Lebens wird der Mensch zum Ende hin immer glücklicher. Soziologen sprechen deshalb von der "U-Kurve" der Lebenszufriedenheit. Dieser liegt eine oberflächlich einleuchtende These zugrunde: Weil Menschen mit zunehmendem Alter besser mit unterschiedlichen, auch schwierigen Situationen umgehen können, werden sie gelassener und mithin zufriedener. Nun aber weckt eine neue Untersuchung, durchgeführt von den Sozialwissenschaftlern Fabian Kratz und Josef Brüderl, Zweifel an dieser These, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS).

Demnach erlebt ein Mensch die glücklichste Zeit seines Lebens nicht mit Ende 50, sondern mit Anfang 20 – alles, was danach kommt, fällt im Vergleich dazu ab. Für die These, dass die Zufriedenheit ab dem 50. oder 55. Lebensjahr noch einmal stark ansteigt, fanden die Forscher jedenfalls keine belastbaren Belege. Zwar stieg die Lebenszufriedenheit in ihrem Modell zwischen 55 und 65 noch einmal leicht um 0,1 Punkte, wohl in freudiger Erwartung auf den baldigen Ruhestand. Mit dem Renteneintritt stieg das empfundene Glück aber nicht mehr an.

Im Gegenteil: Laut der Meta-Studie geht es zwischen den Lebensjahren von 65 bis 90 gar um vier Skalenpunkte runter. "Das Hochgehen von 55 bis 65 ist sehr schwach, der Abfall nach 65 massiv", fassen die Forscher zusammen. Eine Erklärung: Krankheiten und körperlicher Verfall, die im Alter erbarmungslos eintreten.

Mortalitätsverzerrung führt zu falschen Schlüssen
Die unglücklichsten Lebensjahre seien "ganz klar die letzten drei bis fünf vor dem Tod, wenn dieser nicht plötzlich im jungen Alter einsetzt", so die Wissenschaftler. Dass vorherige Untersuchungen zu anderen Ergebnissen kamen, erklären sich die Autoren mit statistischen Verzerrungen wie dem sogenannten "mortality bias".

Dieser besagt, verkürzt ausgedrückt, dass unglückliche Menschen früher sterben und hernach für Befragungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Ab 55 bleiben de facto demnach nur noch die "happy survivors" übrig, deren Zufriedenheit man abklopfen kann. Viele Forscher hätten zudem immer andere Stichproben miteinander verglichen, die nicht dieselben Personen beinhalteten – und somit auch nicht miteinander vergleichbar seien. (fp)