Die Lage ist ernst, der Klimawandel die größte Herausforderung der Menschheit in diesem Jahrhundert – und trotzdem passiert noch immer nicht genug, um die Erderwärmung zu stoppen. Zuletzt kritisierte Klimaaktivisten Greta Thunberg erneut die Untätigkeit von Politik und Unternehmen und bezeichnete die Klimakonferenz in Glasgow als reine PR-Veranstaltung mit viel "Blablabla". Und damit hat sie nicht unrecht, findet Thomas Jorberg. Vieles sei sehr widersprüchlich, so der Vorstandssprecher der Öko-Bank GLS gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" (SZ): "Wir sagen, dass wir die Wälder schützen und erhalten müssen. Gleichzeitig soll die illegale Abholzung des Regenwaldes in Brasilien erst bis 2030 gestoppt werden."

Als weiteres Beispiel für die Doppelmoral nennt Jorberg, dass Politiker im Privatjet zum UN-Klimagipfel anreisten, "der normale Bürger aber nicht mehr nach Mallorca fliegen soll." Es gibt laut dem GLS-Bank-Chef demnach eine große Diskrepanz zwischen der Erkenntnis, dass dringend etwas unternommen werden muss, und dem tatsächlichen Tun. Gleichzeitig bleibt Jorberg optimistisch: "Aber in dieser Widersprüchlichkeit liegt im Grunde genommen die Lösung, denn als Bürger sind wir doch längst alle viel weiter als die Wirtschaft und die Politik." Seiner Meinung nach hätten viele Verbraucher bereits eine hohe Akzeptanz für einschneidende Veränderungen der Rahmenbedingungen entwickelt, auch wenn sich diese schlussendlich auf die von allen zu zahlenden Preise auswirken.

Herausfordernde Chance
Nicht nur Politiker müssen aktiv werden, auch am Grundgerüst des wirtschaftlichen Denken und Handelns ist zu rütteln: "Der Vorstand einer Aktiengesellschaft kann immer von einem Aktionär verklagt werden, wenn er seine Möglichkeit, Gewinn zu machen, nicht voll ausgeschöpft hat. Amoralischer kann man ein System gar nicht strukturieren", sagt Jorberg. Aber das sei ja kein Naturgesetz, sondern etwas, dass man morgen wieder ändern könnte und müsste. 

Auch auf den Bankensektor kommt eine Menge an Veränderungen zu. Ob diese Transformation alle Geldhäuser bewältigen können, ist fraglich – auch Jorberg vermutet, dass nicht alle Institute den Wandel hinbekommen. Gleichzeitig sei die Transformation der Wirtschaft eine Riesenchance für die Finanzindustrie. "Endlich wird mal wieder Geld und Kredit gebraucht. Der Negativzins ist ja vor allem Ausdruck davon, dass es viel zu viel Geld gibt auf der Welt, das nicht abgerufen wird für Investitionen", so Jorberg gegenüber der SZ. (fp/ps)