FONDS professionell: Herr Fischer, wenn ich Ihnen sage, dass es zur FONDS professionell-Weihnachtsfeier ein Omaha Steak gab, hätten Sie in so einem Fall bei uns vorbeigeschaut?
Frank Fischer: (Lacht) Das wäre ja echt eine Verlockung. Also ich werde das Omaha Steak wieder Ende April, Anfang Mai genießen, wenn ich beim jährlichen Aktionärs-Treffen von Berkshire Hathaway bin. Dieses Jahr habe ich das Glück, dass mich mein Sohn begleitet, der gerade das Abitur macht. Ich habe in der Schule einen Antrag gestellt, damit er mitkommen darf. Buffett ist ja schon 88, Charly Munger, der Vizepräsident von Berkshire Hathaway, sogar schon 95. Man muss das einmal erlebt haben, das ist das Hochamt des Kapitalismus. Die beiden sind schlau, witzig und haben Charme. Aber wir verbinden dort das Angenehme mit dem Nützlichen. Im Vorfeld besichtigen wir mit einer Gruppe von Value Investoren jedes Mal Unternehmen. Diesmal fahren wir über die Südküste. In Florida kann man nicht nur Urlaub machen, hier gibt es eine Menge Firmen, in die man investieren kann.

Welche sollte man kennen?
Fischer: Zum Beispiel Mosaic im Bereich Phosphor und Kalium (Weltmarktführer in dem Bereich, Anm.) Wir schauen ja immer auf die Marktstellung. Und wir haben angefragt, ob wir die Niederlassung von Sixt anschauen können. Die erobern jetzt die USA und machen das fantastisch. Wir sind zwölf Value Investoren. Da mieten wir uns eine Air-BnB-Unterkunft mit Pool und wir grillen am Abend. Und wir haben uns vorgenommen, einen Abend auch über unsere größten Fehler zu berichten. Eine 'post mortem Analyse' nennen wir das. Da wird der Abend dann nicht ganz so lustig, dafür sehr lehrreich.

Ich nehme an, heuer, sprechen alle über das schwierige Jahr 2018?
Fischer: 2018 gab es sicher Fehler. Fehler passieren immer wieder. Leider. Wer etwas anderes behauptet, der ist zu sich selbst nicht ehrlich. Oft muss man sich fragen, ist es sinnvoll, stärker im Markt positioniert zu sein oder nicht. Und da haben wir letztes Jahr nicht geglänzt. Aber das sind gar nicht die größten Fehler. Es wird auch um die Investitionen gehen, die wir schlussendlich doch nicht eingegangen sind.

Welche zum Beispiel?
Fischer: Da fällt mir Bed Bath & Beyond ein. Die Bewertung sah zu manchen Zeiten hoch interessant aus. In den Niederlassungen kann ich alles rund um Schlafzimmer und Bad einkaufen. Das sind keine Luxusprodukte, sondern eher die Mittelklasse. Plötzlich wird so ein Geschäftsmodell bedroht durch Preistransparenz im Internet und neue e-Commerce-Wettbewerber. Die Profitabilität oder das Wachstum der Vergangenheit hätten einen komplett in die Irre geführt. Daraus lernt man, dass es eben nicht reicht, nur in den Rückspiegel zu schauen.

Vielleicht können Sie trotzdem noch einmal ganz pauschal in den Rückspiegel blicken: Kann man eine Lehre aus 2018 ziehen oder sind die Hintergründe für die Turbulenzen zu diffus?
Fischer: 2018 kamen mehrere Faktoren zusammen. Themen wie Handelskonflikte, Gelbwesten, links- und rechtsradikale Regierungen haben für eine schlechte Stimmung gesorgt. Dadurch wurde die gute Stimmung in der Wirtschaft eingetrübt. Hinzu kam, dass Fed-Chef Jerome Powell einen Kardinalfehler gemacht hat: Zinsen zu erhöhen, wenn die Wirtschaft überschießt, das gehört ja an sich zum Standard jeder Notenbank. Er hat es aber damit verbunden, Liquidität aus dem Markt zu saugen. Die Notenbankbilanz sollte jeden Monat um 50 Milliarden Dollar verkleinert werden. In dem Moment, indem er auch noch gesagt hat, er stellt diesen Bilanzabbau auf Autopilot und fährt die Bilanz komplett runter, haben alle aggressiven Macro-Hedgefonds den Markt geshortet. Und jetzt kommen die Notenbanken aus der Nummer nicht mehr raus. Ich sehe nämlich nicht, dass die Konjunktur ohne Maßnahmen robust genug wäre, um den Zyklus unendlich hinauszuschieben. Wir haben einfach zu viele Schulden auch in vielen US-Firmen. Nicht nur in den Ländern USA und China. Am einfachsten reduziere ich die Schulden über jahrzehntelange moderate Inflation. Dazu muss ich aber als Notenbank die Zinsen niedrig halten, damit ich real Schulden verliere. Aus China kommen ja neben den niedrigen Zinsen auch schon der nächste Fiskal-Impuls und Steuersenkungen. Die investieren insgesamt rund 3,5 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung, um die Konjunktur zu stützen. Das macht sich auch weltweit positiv bemerkbar.

Was heißt das dann für die Anleger im Jahr 2019?
Fischer: Normalerweise wäre jetzt die Zeit reif für einen wirtschaftlich schwachen Zyklus. Eine Bereinigung gehört nach einer Boomphase einfach dazu. Aber so etwas wird zurzeit gar nicht mehr zugelassen. Und das ist nicht gesund. Dementsprechend müssen wir auf der Hut bleiben. Für uns bedeutet das, dass wir zyklische Titel untergewichten und den Anteil an illiquideren Titeln reduziert haben. Wir kaufen Aktien, die auch in einem schwächeren Umfeld vernünftige Renditen abwerfen und aus denen wir schnell herauskommen, wenn es sein muss. Die moderate Inflation dürfte uns erhalten bleiben. Deswegen brauchen wir Titel mit Preissetzungskraft und wenig Kapitalbedarf. Sollte es dazu kommen, muss man in der Lage sein, Rücksetzer abzufedern und dann wieder nachzukaufen. Wahrscheinlich aber wird man in ein paar Wochen sehen, dass die Impulse der Notenbanken zu steigenden Umsätzen und Gewinnen führen und der Markt noch einmal nach oben laufen wird. Das ist die Zeit, in der man sich orientieren muss, wie nachhaltig das ganze wirklich ist. Kommt da noch mehr Munition von den Notenbanken – oder war’s das?

Sie sind kritisch, was die inszenierte Normalität betrifft. Hätte man als Fondsmanager gern wieder die alte Normalität, ohne den QE-Einfluss der Notenbanken, mit all ihren Vor- und Nachteilen?
Fischer: Auf der einen Seite freuen wir uns als Aktionäre und als Miteigentümer von attraktiven eigentümergeführten Firmen, dass die Notenbanken so viel gemacht haben. Über zehn Jahre hat etwa unser Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen eine Performance um die 13 Prozent per annum, auch wenn wir letztes Jahr nicht gut waren. Das wäre ohne das Agieren der Notenbanken in der Form nicht denkbar. Es ist nur so, dass man jetzt anders denken muss. Sich anhand von Wirtschaftszyklen zu orientieren, damit kommt man nicht mehr weiter. Jemand anderes hat das Zepter in der Hand. Das wird für die Anleger so lange gut gehen, bis man auch mit dieser Erwartungshaltung gegen die Wand läuft. Denn irgendwann werden die Notenbanken auch sagen, "wir lassen eine moderate Krise zu, weil es einfach zu viel ist". Dann wird es auch mal hässliche Drawdowns geben. Das schlimmste, was man dann machen kann, ist, dass man im Tief die Nerven verliert und alles hinschmeißt, anstatt geduldig zu sein und zu sagen, "wenn es gute Firmen sind, kann ich das aussitzen". Ich sage immer: wenn es runter geht, müsst ihr kaufen, nicht verkaufen! Buffett sagt: "es ist einfach aber nicht leicht". Sich zu überwinden und zu kaufen, wenn die Angst im Markt ist, das ist halt nicht leicht – obwohl jeder merkt, jetzt gibt es Sonderangebote!

Jetzt haben Sie Warren Buffett mit einem weiteren Leitspruch zitiert. Derer gibt’s ja viele. Fehlt in Europa, wo die Anleger in manchen Ländern zurückhaltender sind, vielleicht so ein Anlage-Messias?
Fischer: Das wäre für uns ein Traum, so eine Figur zu haben …

… wollen Sie es machen, in ein paar Jahren?
Fischer: Ich trommle ohnehin schon aus Leidenschaft für die Aktie, weil ich überzeugt bin, dass die Leute die Aktie für langfristiges Sparen und für Altersvorsorge viel zu wenig berücksichtigen. In der Schweiz, in Großbritannien oder in den USA wird es steuerlich belohnt, wenn ich für die Altersvorsorge langfristig investiere. Das fehlt in Deutschland und so vielen Ländern total. Dabei muss man die Leute wachrütteln. Denn selbst nach Steuern ist die Aktie als Anlageform attraktiv. Jeder hat Angst, alles zu verlieren. Klar, eine einzelne Aktie kaufen, das würde ich auch nicht empfehlen. Im Zweifelsfall kaufe ich einen ETF auf den S&P 500-ETF.

Am Ende hängt aber alles an politischen Anreizen für das langfristige Aktiensparen ...
Fischer: Das wäre ein Durchbruch – und natürlich wäre es auch eine bessere Finanzierungsmöglichkeit für die Firmen. Denn letzten Endes reden wir über Eigenkapital. Die vielen kleinen und mittleren Firmen, die neue Ideen haben und Arbeitsplätze schaffen, werden über die Kapitalsammelstelle Börse mit Eigenkapital gefüttert. Dieses Konzept ist so bestechend, ich weiß gar nicht, warum die Politiker das nicht ernst nehmen. Es geht halt immer um diese Neiddiskussion. Wenn ich jemanden bevorzuge, der in Aktien investiert, heißt es gleich wieder: "Jetzt werden die Reichen noch reicher, weil sie günstig in Aktien investieren können." Aber auch das könnte man steuern, indem ich zum Beispiel bei einem gewissen Betrag ein Förderlimit einziehe. Aber mit dieser Diskussion gewinne ich keine Wahl und deshalb wird sie nicht geführt. Das regt mich auf. (eml)