Beim Financial Forum des Finanz-Marketing Verbands Österreich (FMVÖ) in der Österreichischen Nationalbank diskutierten am 31. Mai Experten aus der Bank- und Versicherungsbranche den Themenbereich "Nachhaltige Finanzwirtschaft": Helmut Ettl (FMA), Andrea Stürmer (Zürich Versicherung) und Wolfgang Viehauser (Hypo NOE Landesbank) widmeten sich Fragestellungen wie "Welche nachhaltigen Erwartungen Kunden an einen Finanzdienstleister in der Zukunft haben" und "Wo Österreichs Banken und Versicherungen bei einem der wichtigsten Transformationsprozesse unserer Zeit stehen". 

"ESG ist ein Mannschaftssport"
Nach der Begrüßung durch OeNB-Direktor Eduard Schock und FMVÖ-Präsident Erich Mayer eröffnete Heidrun Kopp, Leiterin des Instituts für nachhaltiges Finanzwesen (Inafina), den Abend mit ihrer Keynote zum Thema "Green Business versus Green Washing". Sie ging darauf ein, dass in den vergangenen 15 Jahren die CSR-Maßnahmen vieler großer, meist börsennotierter Unternehmen inhaltlich selten mit dem Kerngeschäft verknüpft und eher als Marketing-Themen aufgesetzt waren. Erst die verstärkte Nachfrage nach nachhaltigen Investments auf den Kapitalmärkten, die Einführung von freiwilligen Verfahrensrichtlinien und internationalen Standards sowie Zertifizierungen und staatliche Gütesiegel für nachhaltige Finanzprodukte (beispielsweise ÖGUT, Österreichisches Umweltzeichen – UZ49) hätten zu einem Umdenken geführt.

Mit dem EU-Aktionsplan von 2018 wurde mit der Taxonomie ein einheitliches Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten geschaffen, das zwar zusätzlich zur Bewusstseinsbildung für Environmental, Social, Governance (ESG) bei den Entscheidungsträgern beigetragen habe. Gleichzeitig seien die Organisationen nun aber vor zweierlei Herausforderungen gestellt: Einerseits brauche es zur besseren Messbarkeit der Nachhaltigkeit den Aufbau eines internen und externen Berichtswesens für ESG-Daten. Andererseits müssten Mitarbeiter geschult und Expertise aufgebaut werden, um ESG in den Geschäftsmodellen zu integrieren. "Es braucht Controlling & ESG, Riskmanagement & ESG, aber vor allem Top-Management & ESG, um sicherzustellen, dass dieses neue Wissen in allen Ebenen greift und gelebt wird. Kurz gesagt: ESG ist ein Mannschaftssport – es braucht nicht nur einen Experten, sondern viele Kollegen, die wissen, wovon die Experten reden", so Kopp.

"Anforderungen an Green Finance sind enorm"
Im Rahmen einer Diskussionsrunde stellte Moderatorin und FMVÖ-Vorstandsmitglied Anne Aubrunner die Frage, wie es den heimischen Banken und Versicherungen mit dem historisch gesehen großen Regulierungspaket der EU gehe. Laut FMA-Vorstand Helmut Ettl bedarf die Bekämpfung der Klimakrise und ihrer Folgen enormer Kraftanstrengungen – auch hinsichtlich der Finanzierung. Zur Erreichung der gesteckten ambitionierten Klimaziele seien großvolumige Investitionen vonnöten, so rechne man in Österreich mit einem Bedarf von rund 17 Milliarden Euro jährlich. Die Aufgabe der FMA sei es nun, die Einhaltung der einschlägigen rechtlichen Vorschriften in ihrem Zuständigkeitsbereich zu überwachen. "Wir sehen uns beispielsweise an, ob Unternehmen ESG-Offenlegungspflichten erfüllen oder ob sie im Risikomanagement Nachhaltigkeitsrisiken adäquat adressieren. Damit leisten wir einen Beitrag gegen das sogenannte Green Washing, im Zuge dessen den Anlegern und Anlegerinnen fälschlicherweise ein Finanzierungsprodukt als nachhaltig, umwelt- beziehungsweise klimafreundlich verkauft wird", so Ettl. Die FMA bringe sich aber auch in den europäischen und nationalen Policy-Prozess aktiv ein, gestalte die Rahmenbedingungen mit, fungiere als Informationsdrehscheibe und sorge damit für Rechtssicherheit.

"Die Anforderungen an Green Finance sind enorm und betreffen institutionelle Anleger, börsennotierte Unternehmen und auch die Versicherer – aber gibt es schon genug Angebot an Taxonomie-konformen Investmentprodukten? Kann der Markt schon in der entsprechenden Qualität bedient werden, und gibt es genug Projekte, in die man investieren kann?", so die Überleitung von Anne Aubrunner zum nächsten Themenblock. Wie Andrea Stürmer, Österreich-Chefin der Zürich Versicherung, betonte, gibt es aktuell noch großen Handlungsbedarf. Auch sei erkennbar, dass die Kunden bereits eine Sensibilität entwickelt hätten und mittlerweile ein größerer Bedarf an grünen Finanzprodukten erkennbar sei. "Als Versicherer kommen wir für die Schäden des Klimawandels bei unseren Kundinnen und Kunden auf und haben deshalb ein großes Wissen zum Klimawandel und seinen Auswirkungen – in Österreich und weltweit. Gleichzeitig sehen wir uns in einer großen gesellschaftlichen Verantwortung und haben daher Nachhaltigkeit in die Mitte des Unternehmens geholt und umfassend in unsere Unternehmensstrategie integriert", erläuterte Stürmer.

Der Weg zu einer klaren "S"-Strategie 
In der Folge gaben die Diskussionsteilnehmer einen Einblick, wie Versicherungen und Banken den sozialen Teil der Taxonomie bestmöglich unterstützen können. "Im Zuge von ESG wird immer viel über Environment und Governance gesprochen, wir achten aber darauf, dass das 'S' ebenfalls nicht verloren geht. Wir setzen daher stark auf Diversität, auf die Gleichstellung von Frauen und Männern und haben das auch in den Unternehmensgrundsätzen verankert", sagte Stürmer. Viehauser ging auf den Paradigmenwechsel ein, der zu beobachten sei: "Gerade die dritte Säule unserer Nachhaltigkeitsstrategie – die Finanzierung von Projekten mit gesellschaftlichem Mehrwert – gewinnt nun zusehends an Bedeutung, regulatorisch, aber auch gesellschaftspolitisch. In unseren Bankalltag übersetzt, heißt das, dass wir vor allem das Finanzieren von Projekten mit gesellschaftlichem Mehrwert wie beispielsweise den Wohnbau forcieren und gleichzeitig ESG-Risiken minimieren. Die Basis dazu sind unsere ethischen Leitlinien und Geschäftsgrundsätze."

Zum Abschluss stellte Moderatorin Aubrunner noch die Frage in den Raum, ob es analog zum Erfolgsprojekt "Bausparen" der Nachkriegszeit nicht an der Zeit wäre, staatliche Zuschüsse neu zu denken und in die größte Herausforderung unserer Zeit, den Klimawandel zu lenken? Vorstellbar seien beispielsweise für den Kunden einfach verständliche Produkte, für die es Nachhaltigkeitsprämien gebe, so die Anregung von Aubrunner. (gp)