Den österreichischen Banken geht es mit den faulen Krediten momentan ein bisschen wie mit einem chronischen Leiden, das man nicht mehr vermissen möchte, weil es auch viel Zuneigung bringt: Eine Spontangesundung könnte einen schmerzhaften Anerkennungs-Entzug nach sich ziehen. Die Erste Group hat heute ihren Bericht für das dritte Quartal 2018 vorgelegt und musste trotz Jubels ordentlich auf die Bremse steigen. 

Anomalie
In den ersten drei Quartalen des Jahres steht eine Steigerung des Nettogewinns von sehenswerten 24,4 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zu Buche. Ausschlaggebend waren nicht nur Kreditwachstum und Zinssteigerungen, sondern auch die Auflösung von Risikovorsorgen für Kredite. Die NPL-Quote (non performing loans) liegt per Ende September bei 3,5 Prozent, ein Jahr davor notierte sie noch bei 4,3 Prozent. Erste Group-CEO Andreas Treichl macht im Quartalsbericht den Kunstgriff, sein eigenes Ergebnis nicht kleinzureden und trotzdem darauf aufmerksam zu machen, dass es so nicht ewig weiter geht: "In der langjährigen Betrachtung ist es zweifelsohne eine Anomalie, dass statt Risikokosten Auflösungen von Risikovorsorgen verbucht wurden", teilt Treichl den Aktionären mit.

Am Börsenkurs der Aktie zeigt sich denn auch, dass der Markt ebenso vorsichtig ist. Trotz des hohen Gewinns gab es am Wiener Parkett Abschläge. Der Quartalsbericht verdeutlicht, dass abseits des NPL-Abbaus Rezepte für neue Herausforderungen nötig sind. Zum Beispiel für die steigenden Lohnkosten. Der deutlich höhere Verwaltungsaufwand im Dreivierteljahr (plus 2,9 Prozent verglichen mit dem Vorjahr) ist vor allem auf ein kräftiges Plus bei den Personalkosten von 4,8 Prozent zurückzuführen. Insbesondere in den CEE-Ländern steigen die Gehälter stark.

Kosten-Ertrags-Ratio kaum verbessert
Parallel dazu muss weiter in IT-Projekte investiert werden, heißt es im Bericht. Lohndruck und Technikinvestitionen führen dazu, dass trotz des kräftigen Einnahmenzuwachses die Kosten-Ertrags-Relation von 61 Prozent auf 60,9 Prozent kaum gesunken ist.  

Indes bleibt das wirtschaftliche Gesamtbild positiv: Die Konjunktur ist gut, in den Kernmärkten der Erste Group dürfte das Wirtschaftswachstum 2018 bei drei bis vier Prozent liegen. Die Arbeitslosenquoten sinken, die Reallöhne steigen, die Inflation ist moderat. Das lässt eine rege Wirtschaftstätigkeit erwarten und ergibt insgesamt ein gutes Geschäftsumfeld für die Banken im Konzern. Die Kreditnachfrage ist mit plus 6,3 Prozent seit Jahresanfang stark. Vor allem in den größten Märkten der Erste Group, in Tschechien, der Slowakei und Österreich, sei die Nachfrage hoch, heißt es.

Hohe Provisionen für Versicherungsprodukte
Der Provisionsüberschuss ist mit plus 5,1 Prozent ebenfalls hoch. Vor allem ist der Anstieg auf Vermittlungsprovisionen zurückzuführen und hier insbesondere auf Versicherungsprodukte. Aber auch Zahlungsverkehr, Vermögensverwaltung und Kreditgeschäft waren provisionsstark. Bei Fondsprodukten hingegen gab es – wenngleich auf sehr niederem Niveau – einen drastischen Rückgang von 9,6 auf 5,3 Millionen Euro im Dreivierteljahr. Gründe dafür werden nicht angegeben.

Gute Signale gibt es jedenfalls von der Zinsseite: Der Zinsüberschuss von Jänner bis September erhöhte sich im Vergleich zum Jahr davor um 4,4 Prozent. Nicht unerwähnt bleiben dürfen dabei Zinssteigerungen, wie die Erste Group mitteilt: In Tschechien zum Beispiel ist seit August 2017 der Zwei-Wochen-Repo-Satz um 1,70 Prozentpunkte angestiegen.

Erstes Land, das Leitzinsen anhob
Tschechien war das erste Land in der EU, das die Leitzinsen nach der Finanzkrise wieder nach oben setzte: Im August 2017 hatte die tschechische Nationalbank ČNB den zweiwöchige Repo-Satz auf 0,25 Prozent angehoben – nach fünf Jahren auf einem Niveau von 0,05 Prozent. (eml)